News / 10. June 2009

Offener Brief der Fachschaft Romanistik an den Rektor der Universität Heidelberg

Offener Brief der Fachschaft Romanistik an den Rektor der Universität Heidelberg

Sehr geehrter Herr Eitel,
Nach den Budgetierungsgesprächen mit den verschiedenen Statusgruppen am Romanischen Seminar der Universität Heidelberg am 19. Mai 2009 hatten Sie vorläufige Maßnahmen zur Behebung der Notlage am Romanischen Seminar vorgestellt. In der kommenden Woche endet nun die Frist von vier Wochen, in welcher, nach der Budgetierungsordnung der Universität Heidelberg, die Ergebnisse der Budgetierungsverhandlungen schriftlich zusammengefasst und die darauf gründenden Entscheidungen des Rektorats verkündet werden müssen. Als die Studierenden des Seminars möchten wir deshalb diese Chance nutzen und Ihnen nochmals Punkt für Punkt darlegen, warum die von Ihnen vorgeschlagenen Maßnahmen aus unserer Sicht völlig unzureichend sind:

1. Die Übertragung der Aufsicht über die Studiengebührenverwaltung an das Dekanat

Diese Überlegung setzt unseres Erachtens am völlig falschen Ende an, denn ohne die Arbeit der mehrheitlich mit Studierenden besetzten Studiengebührenkommission wäre es in der Vergangenheit nicht einmal möglich gewesen, die Lehre am Romanischen Seminar aufrecht zu erhalten. Die studentische Mehrheit in der Kommission muss deshalb um jeden Preis gewahrt bleiben. Davon abgesehen ist diese „Maßnahme“ keine echte Maßnahme, da die endgültige Gewalt über die Verwendung der Studiengebühren ohnehin schon immer beim Dekanat lag. Ihr einziges Ziel ist offenbar von den wahren Problemen abzulenken, die eben nicht nur auf Institutsebene, sondern durchaus auch im Einflussbereich des Rektorats liegen.

2. Die Einführung von Zugangsbeschränkungen und die Beschränkungen der Neuzugänge auf das Wintersemester

Auch hier müssen wir zuallererst darauf hinweisen, dass diese „geniale“ Rettungsidee keine wirkliche Neuerung darstellt, sondern schon vorher beschlossene Sache auf Institutsebene war. Dies ändert jedoch nichts daran, dass diese Maßnahme nicht so wirken wird, wie Sie sich das vorstellen. Denn weniger Studenten bedeuten auch weniger Studiengebühren! Selbst wenn Sie also der Meinung sind, dass Sie die eklatanten Haushaltslöcher weiterhin mit Studiengebühren stopfen können, obwohl diese doch nur zur Verbesserung der Lehre und nicht zur Finanzierung der Kernlehre dienen sollten, geht Ihre Rechnung nicht auf! Außerdem müssen wir Sie darauf hinweisen, dass die Reduzierung von Studienplätzen den politischen Zielvorgaben sowohl auf Bundes- als auch auf Landesebene widerspricht! Im Solidarpakt II von 2007 verpflichteten sich die Hochschulen, ihre Aufnahmekapazitäten zu erhöhen. Auf Landesebene wurden vor zwei Jahren Gelder bereitgestellt, um 16.000 neue Studienplätze zu schaffen. Das gleiche Ziel verfolgt der neueste Hochschulpakt auf Bundesebene. Ab dem Jahr 2012 werden zudem die doppelten Abiturjahrgänge an die Universitäten drängen. Dieser Ansturm wird jedoch nicht zu bewältigen sein, wenn diese politischen Zielvorgaben an den Universitäten so konsequent ignoriert werden! Besorgniserregend ist der Abbau von Studienplätzen auch im Hinblick auf den dringenden Bedarf an gut ausgebildeten Lehrern. Gerade im Fach Spanisch ist der Lehrermangel an baden-württembergischen Schulen eklatant! Um dem abzuhelfen, ist im Gegenteil eine deutliche Aufstockung der Kapazitäten notwendig. Die Lehrer von morgen verdienen eine Ausbildung, die sie zu den Pädagogen macht, die die Gesellschaft fordert.

3. Die Aussetzung des Masters

Das Aussetzen der Mastereinführung ist ein Armutszeugnis und eine Bedrohung der Qualität und der Reputation der Heidelberger Romanistik, da sie die stete Ausbildung von qualifiziertem wissenschaftlichen Nachwuchs gefährdet. Ohne gute Studenten, insbesondere auf Masterniveau, und ohne die nötigen finanziellen Mittel verliert das Heidelberger Romanische Seminar seine Attraktivität für wissenschaftliche Großprojekte. Dies hat sich schon an der Verlegung des aus DFG-Mitteln finanzierten und international anerkannten Altspanischen Wörterbuchs gezeigt, das ab dem Jahresende auf Teneriffa weitergeführt werden soll. Wenn die Universität Heidelberg die stiefmütterliche Behandlung der Romanistik weiterführt und damit die hochqualifizierte wissenschaftliche Arbeit gefährdet, wird dies kein Einzelfall bleiben. Die Universität verliert dadurch nicht nur ihr internationales Renommee als Wissenschaftsstandort, sondern auch wertvolle Drittmittel.

4. Die „Verschlankung“ der Bachelorstudiengänge

Die Reorganisation der Bachelorstudiengänge ist auf Institutsebene schon seit längerem in Planung und sie entspricht weitestgehend auch unseren Vorstellungen, da die bisherigen Bachelorstudiengänge überfrachtet waren und nicht unserer Vorstellung von einem selbstbestimmten Universitätsstudium entsprachen. Auch der Abschaffung der 75% Bachelor stehen wir nicht vollkommen ablehnend gegenüber. Die Qualität des Bachelors darf jedoch unter dieser „Verschlankung“ nicht leiden, und wir wollen auch keinen Einheits Romanistik Bachelor, da dieser erstens wegen der fächerspezifischen Unterschiede nicht umsetzbar wäre, und er zweitens die Eigenständigkeit der Abteilungen gefährden würde. In jedem Fall muss die studentische Beteiligung an der Ausarbeitung der genauen Studienordnungen gewahrt bleiben.

Jedoch ist es völlig illusionär zu glauben, dass die anvisierten Änderungen, die zudem auch frühestens ab dem Wintersemester 2010/11 erste Auswirkungen zeigen werden, die Notlage am Romanischen Seminar beheben werden. Denn der Hauptteil der Studierenden am Romanischen sind Lehramtsstudenten! Die Zahlen der ZUV zeigen, dass in den vergangenen Semestern nur ein Drittel der Studienanfänger Bachelorstudenten waren. Die Abschaffung der drei 75% Bachelor hätte im laufenden Semester ganze 11 Studenten „eingespart“ (Vgl. Budgetierungsunterlagen der ZUV 2009)! Das ist nicht einmal ein voller Kurs! Zudem sitzen die 25%, 50% und 75% Bachelor- und Lehramtsstudenten in den selben Kursen. Die effektiven „Kapazitätseinsparungen“ wären also minimal und würden nicht einmal ansatzweise ausreichen, um die Probleme am Seminar zu lösen.

5. Die Vorlage eines Finanzplanes

Diese Maßnahme ist durchaus im Sinne der Studierenden, da natürlich auch uns bewusst ist, dass einige Probleme auch durch die chaotischen Zustände auf Seminarebene bedingt sind. Wir müssen jedoch darauf hinweisen, dass eine Ursache für die organisatorischen Fehlentwicklungen auch in den kurzfristigen Beschäftigungsverhältnissen am Seminar zu suchen ist. Diese zahlreichen kurzfristigen, aus Studiengebühren finanzierten Verträge führen dazu, dass der Großteil der Angestellten ohne eine langfristige Perspektive am Seminar unterrichtet. Dies erschwert das Engagement der Dozenten, da sie häufig schlecht über die aktuellen Geschehnisse am Seminar informiert sind. Die wenigen Festangestellten sind zudem mit den ständigen zusätzlichen Verwaltungsaufgaben vollkommen überlastet. Feste, unbefristete Verträge aus gesicherten staatlichen Mitteln sind also die Voraussetzung für eine ordentliche, langfristige Planung am Romanischen Seminar. Davon abgesehen stimmen wir mit dem Direktorium unseres Seminars darin überein, dass auch durch die Erstellung eines Finanzplanes nicht plötzlich „ungenutzte Ressourcen“ auftauchen werden, mit deren Hilfe das Seminar eigenständig die nötigen Stellen schaffen könnte.

6. Die Analyse der Ursachen

Insgesamt haben Sie in Ihrer Rede nach den Budgetierungsverhandlungen versucht den Anschein zu erwecken, dass der einzige Grund für die aktuelle Notlage am Romanischen Seminar die fehlerhafte, weil nicht „kapazitätsneutrale“ Einführung der neuen Bachelorstudiengänge sei. Dies ist jedoch nicht richtig. Die Probleme am Romanischen Seminar haben nicht erst mit der Einführung des Bachelors begonnen, sondern waren schon vorher da. Ihre Ursache ist der Wegfall von kw-Stellen und die Streichung von Planstellen wegen angeblich fehlender Drittmitteleinwerbungen, die allerdings aus den Unterlagen der ZUV deutlich hervorgehen. Die Darstellung, dass mit einer Reform der Bachelorstudiengänge alles wieder gut werden würde ist deshalb ein reines Täuschungsmanöver, das offenbar allein darauf abzielt, von der Untätigkeit des Rektorats angesichts der andauernden Probleme der Romanistik abzulenken.

7. Die Überbrückung der Engpässe aus Studiengebühren

Um die aktuellen Engpässe zu überbrücken, schlagen Sie die Schaffung neuer Stellen aus Studiengebühren vor. Dies ist nicht möglich, da wir jetzt schon mehr Studiengebühren ausgeben als wir bekommen. Würden wir die Ausgaben aus Studiengebühren in der jetzigen Höhe fortsetzen, wäre die Studiengebührenkommission spätestens ab dem Wintersemester 2010/11 pleite. Wie sie wissen, werden am Romanischen Seminar jetzt schon über 46% der Lehre (in der Hispanistik 61%) aus Studiengebühren finanziert. An dieser Stelle möchten wir nochmals darauf verweisen, dass die Studiengebühren nur zur Verbesserung der Lehre, nicht aber zur Finanzierung der grundständigen Lehre verwendet werden sollen. Wir empfinden Ihre unverhohlene Aufforderung, den Anteil der aus Studiengebühren finanzierten Kernlehre noch weiter zu erhöhen, deshalb als blanken Hohn.

Am 25. Juni wird im Wissenschaftsausschuss des Landes über den Antrag der Abgeordneten Theresia Bauer verhandelt werden, um die Verwendung von Studiengebühren in der Heidelberger Romanistik zu prüfen. Wir sind der festen Überzeugung, dass auch er zu dem Ergebnis kommen wird, dass die Verwendung der Studiengebühren in der Heidelberger Romanistik den Vorgaben der Politik zur richtigen Verwendung von Studiengebühren in extremer Form widerspricht.

8. Der Vorschlag der Studierenden

Die Studierenden der Romanistik bleiben deshalb bei Ihren Forderungen nach mindestens zwei neuen Lektorenstellen (1,5 für Spanisch und 0,5 für Französisch) und einem Hochschuldozenten in der Sprachwissenschaft, finanziert aus staatlichen Mitteln. Dies ist der absolute Mindestbedarf, der benötigt wird, um den aktuellen Notstand zu beheben und erträgliche Studienbedingungen herzustellen. Bei uns Studenten ist der Eindruck entstanden, dass Sie sich aus der Affäre ziehen wollen, indem Sie mit dem Finger auf andere zeigen und somit die Verantwortung auf die Seminarleitung und die Landesregierung abwälzen.

Immer wieder beteuerten Sie, dass Sie auf Universitätsebene keine Gelder zur Verfügung hätten. Doch ist es Ihre Entscheidung, wie Sie die Gelder verteilen!

Wie kann es sein, dass die Gelder der Landesregierung zum Großteil ins Neuenheimer Feld
fließen, während die Geisteswissenschaften in der Altstadt auf Sparflamme gehalten werden? Die Universität Heidelberg hat sich mit dem Konzept der Volluniversität erfolgreich um den Titel der Exzellenzuniversität beworben. Nun liegt es an Ihnen diese auch faktisch zu erhalten und für eine gerechte finanzielle Ausstattung aller Fächer zu sorgen.

Des Weiteren behaupteten Sie, die Schaffung neuer Stellen sei Ihnen aufgrund der landesweiten Regelung der Curricularen Normwerte nicht möglich, da dies gleichzeitig auch eine Aufstockung der Kapazität bedeuten würde. Auch dies ist jedoch so nicht richtig, denn auch bisher hat man sich nicht um die tatsächlichen Studienanfängerzahlen in der Romanistik gekümmert, weshalb der Curricularnormwert konstant überschritten wurde. Wenn das Land seine Forderung ernst meint, dass nicht nur die aktuelle Zahl von Studienplätzen gesichert werden muss, sondern dass zudem eine weitere Aufstockung der Studienplätze dringend notwendig ist, dann müssen der Heidelberger Romanistik, gerade aufgrund der Curricularen Normwerte, neue Stellen zugesagt werden.

Professor Becker hat einen Ruf von der Universität Köln bekommen, und wenn sich am Romanischen Seminar nicht in absehbarer Zeit etwas ändert, ist die Gefahr groß, dass er ihn annehmen wird. Dies würde jedoch das Romanische Seminar endgültig ins Chaos stürzen, ganz abgesehen davon, dass die Abwanderung von Professoren natürlich ein fatales Signal für die wissenschaftliche Reputation der Universität Heidelberg darstellt. Wir fordern Sie deshalb auf, schnell zu handeln, um das Seminar vor noch Schlimmerem zu bewahren.

gez.
Die Fachschaft der Romanistik

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Schlimmer als die, die die Fehlentscheidungen abnicken, sind die, die die abnicken, die die Fehlentscheidungen abnicken.
(Pater Rolf Hermann Lingen, römisch - katholischer Priester)

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