Artikel

Über den Zusammenhang von Wissenschaft, Macht und Politik

Politisches Mandat Anlässlich der Mitgliederversammlung der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) demonstrierten am heutigen Dienstag mehr als 9000 Studierende in Leipzig. Das Motto “KEINE Stimme ohne uns! Für eine demokratische Bildungspolitik” holte Protestierende aus dem gesamten Bundesgebiet auf die Straßen Leipzigs.

Der Trennung von hochschulpolitischem und politischem Mandat liegt entweder die politisch bzw. juristisch artikulierte Illusion zugrunde, Hochschule/Wissenschaft und Gesellschaft/Politik seien in verschiedenen Schubladen unterzubringen – oder die politisch interessierte und juristisch verbrämte Irreführung, diese Trennung sei möglich.

Dazu, daß beides zutrifft, könnte man Adornos Hypothese anführen (Minima Moralia, 141): “Ein Deutscher ist ein Mensch, der keine Lüge aussprechen kann, ohne sie selbst zu glauben.” Meine Vermutung zu der hier aber nicht weiter interessierenden psychologisch-diagnostischen Frage, inwieweit die deutschen Akteure der Klagewelle tatsächlich durchschauen was sie tun, ist die, daß sie politischen Zielen hinterhertraben, mit deren wissenschaftstheoretischen Implikationen sie überfordert sind.

Was als Trennung von Wissenschaft/Hochschule und Politik/Gesellschaft geltend sich macht, resultiert ursprünglich aus der Verselbständigung des Hochschul- und Wissenschaftsbereichs im Zuge der Differenzierung gesellschaftlicher Arbeits- und Funktionsteilung, insbesondere der historischen Trennung von Kopf und Handarbeit. Verfestigt wird die Vorstellung der Getrenntheit Wissenschaft/Hochschule und Politik/Gesellschaft von Auffassungen, wie sie schon Friedrichs Engels auf die Schippe nahm, als er schrieb: “In Deutschland hat man sich ... leider daran gewöhnt, die Geschichte der Wissenschaften so zu schreiben, als wären sie vom Himmel gefallen.” (MEW 39, 205), als hätten sie also mit Gesellschaft und Politik nichts zu tun.

Eine wesentliche Argumentation besteht in diesem Zusammenhang darin, daß von der Sache her Gesellschaft/Politik und Wissenschaft in einem Ausschließungsverhältnis stünden, weil es in der Politik um Interessen, in der Wissenschaft aber um durch Interessenvertretung nicht zu verletzende Objektivität gehe. Diesen Gedanken hat Engels` berühmter Kollege und Freund, Karl Marx im folgenden Satz zum Ausdruck gebracht: “Einen Menschen, der die Wissenschaft einem ... ihr fremden, äußerlichen Interessen entlehnten Standpunkt zu akkommodieren sucht, nenne ich gemein” (MEW 26.2, 112). Wissenschaftliche Erkenntnis darf nicht durch politische Rücksichtnahmen verfälscht werden, so Karl Marx, so jeder Mensch, der redlich Wissenschaft betreibt.

Damit ist die Ebene des Wissenschaftler-/Wissenschaftlerinnen-Individums angesprochen, des individuellen Subjekts wissenschaftlicher Arbeit.- Wie aber sieht das Verhältnis von Interessen und Wissenschaft auf der gesellschaftlichen Ebene aus, wie sieht es heutzutage aus?

Der für uns zum Hochschulalltag gewordene Neoliberalismus, behaupte ich, ist die vulgäre gesellschaftliche Organisation der von Marx kritisierten individuellen Gemeinheit – und zwar in der Form, daß politische Einflußnahme mehr und mehr durch die Schaffung und Nutzung ökonomischer Abhängigkeiten der Wissenschaft Betreibenden ersetzt wird. Stichwort Drittmittelforschung: Die Organisation der Forschungsförderung macht aus der Hochschule der Tendenz nach jene Oper, in der das Lied eben derer zu Gehör gebracht wird, die bezahlen. Wissenschaft ist heute nicht mehr, wie im Mittelalter, die Magd der Theologie, sondern – moderner, noch moderner, ja sozusagen postmodern – die Mätresse des Profits. Historisch gesehen, hat sich die Befreiung der Wissenschaft von der Theologie als große bürgerliche Tat verkehrt in die Unterwerfung der Wissenschaft unter die Bourgeoisie, zu der das Bürgertum eben verkommen ist.

Damit nun diese – neoliberale – Ökonomisierung der Wissenschafts-Beeinflussung reibungslos funktionieren kann, muß Politik als potentiell kritische Reflexion dieses Prozesses aus den Hochschulen verschwinden. Die Akteure des Wiederauflebens von politischen Klagen über und juristischen Klagen gegen das politische Mandat der Verfaßten Studentenschaft sind, so gesehen, die politische Säuberungskolonne des Neo-Liberalismus oder der neoliberalen Hochschulformierung, oder einfacher formuliert: die studentischen Putz-Lumpen der Reaktion.

Wir haben es also im Verhältnis von Politik und Wissenschaft mit zwei Ebenen zu tun:



Ein Grauen für alle, die ins Netz schreiben


219 Hintergrundartikel
in 40 Themen

Wähle einen Ort: