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Stipendien: Nicht Lösung, sondern Teil des Problems

Euro Geldscheine

Vor und bei Einführung von Studiengebühren war stets der Aufbau eines “umfassenden Stipendiensystems” versprochen worden. Ein solches gibt es bis heute nicht. Von den 2 Millionen Studierenden will Annette Schavan zukünftig maximal einen Prozent, entsprechend etwa 20.000, mit öffentlichen Studienstipendien fördern lassen.

Das Deutsche Studentenwerk, das sich für die sozialen Belange der Studierenden einsetzt, hatte diese Stagnation bezüglich der Entwicklung eines Stipendiensystems bereits im letzten Jahr einen “Skandal” genannt.

Und um einen solchen handelt es sich auch. Allerdings noch in einer weiteren Hinsicht: Nicht nur, dass die Politik nicht einlöste, was sie versprach. Vielmehr verschärfen Stipendien in der Regel die soziale Ungleichheit und bauen sie nicht etwa ab (vgl. hierzu insbesondere auch die Ergebnisse der 18. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks).

Denn sie sind nur für eine nach politisch bestimmten Kriterien definierte Minderheit gedacht und daher stets selektiv. Selbst sollte, was kaum je der Fall ist, das angelegte Vergabekriterium jenes der finanziellen Bedürftigkeit respektive des Nachteilsausgleiches sein, lassen Stipendien bei gleichzeitigem Rückzug des Staates aus der Bildungsfinanzierung die Bedürftigkeit der nicht geförderten Mehrheit außer Acht. Einer Mehrheit, deren Lebenshaltungskosten steigen und auf deren private Schultern der Staat (unter anderem mittels Studiengebühren) momentan mehr und mehr die Kosten ihrer Bildungsbeteiligung umlegt.

Dass das Vergabekriterium jedoch in aller Regel nicht jenes der “Bedürftigkeit” ist, hat unlängst auch eine Studie belegt. Tatsächlich steigt mit höherer sozialer Herkunft auch der Anteil der Studierenden, die ein Stipendium erhalten, an. Unter den Befragten (deutsche Universitätsstudierende ab dem 5. Fachsemester) beträgt der Anteil der Geförderten aus der Arbeiterschaft nur 2,1, bei der Grundschicht nur 2,6 Prozent. “Bei Studierenden aus der höheren Dienstklasse steigt der Anteil auf 3,5%. Mit Abstand liegen Studierende aus der Akademikerschaft vorn: 5,2% erhalten ein Stipendium der [öffentlichen] Förderungswerke” (zitiert nach: Informationen und Ergebnisse aus der Konstanzer Hochschulforschung: Stipendien von Stiftungen für begabte Studierende; Dezember 2006; siehe auch folgende Tabelle).

Soziale Herkunft

Finanzierung durch Stipendien

Teilweise

Hauptsächlich

Zusammen

Arbeiterschaft

1,2

0,9

2,1

Grundschicht

2,1

0,5

2,6

Mittelstand

1,8

1,2

3,0

Höhere Dienstklasse

2,6

0,9

3,5

Akademikerschaft

4,4

0,8

5,2

Quelle: Studierendensurvey 1983-2004, AG Hochschulforschung, Universitaät Konstanz; zitiert nach obiger Quelle

Das bedeutet konkret: Die Studierenden aus wohlhabendem Elternhaus erhalten mit mehr als doppelt so hoher Wahrscheinlichkeit ein Stipendium als jene, die es brauchen könnten!

Wie aber kommt es dazu? Was heißt das im Detail?

Minderheiten fördern, die Masse vernachlässigen

Es existieren momentan nur etwa 14.000 öffentliche Studienstipendien der anerkannten Förderwerke sowie geschätzte 26.000 andere Stipendien (potentiell unter anderem: Stipendien der Hochschulen, des DAAD, von Privaten etc.). Die öffentlichen Studienstipendien sind dabei etwa BAföG-adäquat, über die Höhe der anderen ist wenig bekannt – auch Einmalzahlungen oder geringe regelmäßige Bezuschussungen fallen aber in diese Kategorie. Diesen geschätzten 40.000 Stipendien stehen etwa 2 Millionen Studierende gegenüber, die wahrscheinlich in steigender Zahl mittels Studiengebühren privat zur Kasse gebeten werden.

Kein Stipendium erhalten also etwa 1,96 Millionen Studierende. Unter diesen gibt es rund 345.000 BAföG-EmpfängerInnen, die großteils nicht von den Studiengebühren ausgeschlossen werden sollen, obwohl sie sicher als bedürftig anzusehen sind. Zudem verfügt immerhin jeder und jede fünfte der 2 Millionen Studierenden momentan nur über ein Monatsbudget von unterhalb des BAföG-Höchstsatzes von 585 Euro.

Diesen Zahlen stehen rund 1,4 Millionen Studierende gegenüber, die ab dem Wintersemester 2007/2008 Studiengebühren zahlen sollen (eigene Berechnungen nach Daten des Statistischen Bundesamtes). Sowie 800.000 Studierende, für welche gemäß aktueller DSW-Sozialerhebung die Studienfinanzierung bereits jetzt unsicher ist.

Arme auch mit Stipendium arm

Für die wirklich Bedürftigen stellt ein Stipendium zudem ohnehin kaum eine Verbesserung dar: Im Gegensatz zum BAföG-Höchstsatz von 585,- Euro erhielten sie mittels Studienstipendium dann maximal 658,- (entsprechend 525 Euro Höchstbetrag plus 80 Euro Büchergeld plus 45 Euro Krankenkassenzuschuss plus 8 Euro Zuschuss für die Pflegeversicherung) sowie einen Wohngeldanspruch.

Auch mit diesen rund 600 Euro monatlich lägen sie jedoch ca. 300 Euro unter der in der EU gültigen Armutsgrenze und dürften die Probleme, bei diesem Etat 500 oder mehr Euro pro Semester an Studiengebühren abzuzweigen, behalten. Insbesondere dann, wenn sie Eltern haben, welche eben nicht in der Lage sind, sie in irgendeiner Art und Weise finanziell zu unterstützen.

Nicht zu vergessen sind zudem die Bedürftigen, die nicht einmal mehr einen BAföG-Anspruch haben. Ohne BAföG-Anspruch erhalten sie in aller Regel auch kein staatliches Stipendium mehr; allerhöchstens noch das Büchergeld.

Konservativ dominiert und alles andere als sozial

Etwa 65 Prozent aller öffentlichen Studienstipendien werden von nur 4 der staatlich anerkannten 11 Begabtenförderwerke vergeben. Diese vier Einrichtungen (Stiftung der Deutschen Wirtschaft, Konrad-Adenauer-Stiftung, Friedrich-Naumann-Stiftung, Studienstiftung des deutschen Volkes) gehören zugleich dem konservativen Spektrum der Förderwerke an, was die Auswahl der StipendiatInnen sicher mit determiniert.

Die Quote der zumindest potentiell “sozial Bedürftigen” unter den StipendiatInnen dieser vier Werke liegt bei maximal 18, die Quote derjenigen mit sehr wohlhabendem Elternhaus hingegen bei über 50 Prozent (vgl. Studis Online-Artikel "“Stipendien ungleich verteilt: Arm bleibt arm und reich studiert”":http://www.studis-online.de/HoPo/art-611-elite_stipendien.php). Ergo: Großteils die Privilegierten profitieren erneut. Begabtenförderung ist hier überwiegend Wohlhabendenunterstützungsprogramm.

“Leistungsförderung” immer soziale Selektion

Für alle öffentlichen Stipendien ist zudem stets “überdurchschnittliche Leistung” ausschlaggebendes Vergabekriterium. Nicht einmal die “linke”



Ein Grauen für alle, die ins Netz schreiben


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