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Soziale Selektion wird zementiert

Soziale Selektion

Michael Hartmann ist Soziologieprofessor an der Technischen Universität Darmstadt und befaßt sich schwerpunktmäßig mit Elitenforschung. Zu seinen zahlreichen Veröffentlichungen gehören die Bücher »Der Mythos von den Leistungseliten« und »Elitesoziologie«

F: Nach dem abermals miserablen Abschneiden Deutschlands in der neuesten OECD-Bildungsstudie liebäugeln SPD und Grüne mit der Abschaffung des dreigliedrigen Schulsystems. Wie ernst nehmen Sie beispielsweise die Ankündigung der Kultusministerin von Schleswig-Holstein, Ute Erdsiek-Rave (SPD), innerhalb von 15 Jahren auf ein integriertes Schulsystem nach dem Vorbild Schwedens oder Finnlands umzustellen?

Ich bin da sehr vorsichtig. Die Reaktion auf die 2002 veröffentlichte PISA-Studie – so etwas wie die Generalabrechnung mit dem dreigliedrigen Schulsystem – war sowohl seitens der Wissenschaft als auch der Politik praktisch gleich null. Selbst renommierte Bildungsforscher wie Klaus Klemm oder Hans-Günter Rolff, die natürlich wissen, daß die Dreigliedrigkeit völlig überholt ist, haben sich um eine klare Positionierung herumgemogelt. Ob jetzt die Signale aus Schleswig-Holstein auf einen echten Sinneswandel hindeuten oder doch nur Wahlkampfgeklingel sind, wird sich erst nach der Landtagswahl im kommenden Februar zeigen.

F: Dennoch scheint eine überfällige Diskussion endlich eröffnet …

Wobei das noch nicht viel bedeuten muß. Ich vermute schon, daß das bestehende System zumindest in der SPD umstritten ist, wahrscheinlich mehr als bei den Grünen. Hier und da mal eine kritische Äußerung zum deutschen Schulsystem spiegelt aber noch kein repräsentatives Stimmungsbild wider. Ganz anders verhielt sich die Sache, als Gerhard Schröder die Schaffung von Eliteuniversitäten forderte. Für diesen Vorschlag waren die Spitzenvertreter von SPD und Grünen gleich Feuer und Flamme.

F: Das heißt, auch innerhalb des Regierungslagers herrscht Uneinigkeit?

Es gibt erhebliche Teile innerhalb der SPD und mehr noch bei den Grünen, die an der Dreigliedrigkeit festhalten. Bei ihnen ist jene Aufsteigergeneration stark vertreten, die von der Öffnung des Bildungssystems im Hochschulbereich in den 1960er Jahren profitiert hat und die erlangten Privilegien gerne an ihre Kinder weitergeben möchte. An einem integrierten Schulsystem, das Kindern aus allen sozialen Schichten dieselben Aufstiegschancen einräumt, ist dieser Klientel in der Regel wenig gelegen.

F: Erklären sich vor diesem Hintergrund auch die bildungspolitischen Weichenstellungen, die gegenwärtig auf Länderebene vorgenommen werden?

Abgesehen von Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein laufen die Maßnahmen in den Ländern – egal, ob unter SPD-, CDU- oder CSU-Führung – auf eine Verschärfung der sozialen Selektion im Bildungswesen hinaus. Dabei denke ich vor allem an die Reduzierung der Schulzeit auf zwölf Jahre und die Abschaffung der Orientierungsstufen. Im Kern unterscheidet sich die Politik im von SPD und Grünen regierten Nordrhein-Westfalen kaum von der im CSU-regierten Bayern.

F: Gerade in den Unionshochburgen scheint man bildungspolitisch auf dem Rückzug ins 19. Jahrhundert.

In Bayern, Niedersachsen oder Hessen soll die Trennung zwischen Haupt-, Realschulen und Gymnasien zementiert werden. In Hessen beispielsweise wird alles abgeschafft, was es an Orientierungsstufen gegeben hat. Zugleich werden die dort noch bestehenden Gesamtschulen durch verschiedene Maßnahmen in ihrer Existenz bedroht.

F: Ist diese bildungspolitische Rolle rückwärts auch als Reaktion auf die aufgekommene Diskussion um das Schulsystem zu sehen?

Natürlich. Auf die Misere des deutschen Schulsystems läßt sich auf zwei Arten reagieren. Entweder man baut das System strukturell um, oder man verweist auf Mißstände innerhalb des Systems. Gemäß der zweiten Variante ist das bestehende System noch nicht streng, rigide und selektiv genug, um im internationalen Vergleich mithalten zu können. Das ist genau die Linie, die die Union in Übereinstimmung mit großen Teilen ihrer Wählerklientel umsetzt, die aber auch in der praktischen Politik der SPD-geführten Ländern viel häufiger zu beobachten ist als der Versuch eines strukturellen Umbaus des Schulsystems.

F: Laut OECD bringen Bildungsinvestitionen wirtschaftliches Wachstum. Warum wird in Deutschland im Schul- und Hochschulbereich dann munter weiter gekürzt?

Die deutsche Wirtschaft hat momentan noch Alternativen: Zunächst hat man bei knapp fünf Millionen Arbeitslosen kein wirklich drängendes Problem eines Fachkräftemangels. Und zweitens kann man sich im Augenblick relativ großflächig auf dem Arbeitsmarkt in Osteuropa bedienen. Da tritt langfristiges Denken in den Hintergrund.

Junge Welt 30.10.2004
Interview: Ralf Wurzbacher

Die Stärke der Linken kann heute genau in diesen kleinen konkurrierenden Protestgruppen liegen, die an vielen Stellen gleichzeitig aktiv sind, in einer Art von politischer Guerillabewegung im Frieden oder im sogenannten Frieden, aber - und das ist, glaube ich, der wichtigste Punkt - in kleinen Gruppen, die sich auf lokale Aktivitäten konzentrieren und in denen sich das ankündigt, was aller Wahrscheinlichkeit nach die Basisorganisation des libertären Sozialismus sein wird, nämlich kleine Räte von Hand- und Kopfarbeitern - von Sowjets, wenn man dieses Wort noch benutzen kann und nicht daran denkt was mit den Sowjets tatsächlich passiert ist -, etwas, das ich, und das meine ich ganz ernst, als organisierte Spontaneität bezeichnen würde.
(Herbert Marcuse)



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