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Master of Desaster?

von Fred Mohr

Der Bologna-Prozess ist nicht mehr zu stoppen. Damit ist die Einführung von Bachelor- und Master-Studiengängen in Deutschland gemeint. Es soll ein europäischer Hochschulraum entstehen, in dem Studierende und Hochschulabsolventen grenzüberschreitend studieren, forschen und arbeiten können. Bezeichnet wird dieses Reformvorhaben als Bologna-Prozess, benannt nach dem Tagungsort, an dem 1999 die europäischen Bildungsminister eben jenes beschlossen.

In der aktuellen ökonomischen und neoliberalen Logik an den Hochschulen zeichnet sich die Tendenz ab, dass die Mitbestimmungsmöglichkeiten der Studierenden massiv beschnitten werden: Neben der ohnehin schon fehlenden studentischen Mitbestimmung innerhalb der Hochschule wird Hochschule auch insgesamt immer mehr entdemokratisiert. Den Gremien der universitären Selbstverwaltung werden Entscheidungskompetenzen entzogen, während gleichzeitig Leitungsstrukturen also Kompetenzen von PräsidentIn und DekanInnen gestärkt werden. Neue Steuerungsmodelle werden etabliert, mit Personengruppen aus externen Zusammenhängen, wie beispielsweise aus dem Wirtschaftssektor besetzt, und mit massiven Einflussmöglichkeiten auf die verschiedenen Studiengängen und deren Studieninhalten ausgestattet. Der Einfluss der Studierenden auf Forschung und Lehre an der Hochschule via Beteiligung an den universitären Gremien tendiert gegen null.<>> (MEW 26.2, 112). Wissenschaftliche Erkenntnis darf nicht durch politische Rücksichtnahmen verfälscht werden, so Karl Marx, so jeder Mensch, der redlich Wissenschaft betreibt.<>‘Umerziehung’ zu erreichen. So schreibt Adam, dass der rasche Aufbau der stud. Selbstverwaltung als “Übungspfad für die spätere Beteiligung am öffentlichen Leben” (Adam 1965:4) gedacht wurde. Dazu kam das Motiv, durch die Studentenschaften eine Unterstützung gegen die “restaurativen Tendenzen in der Professorenschaft” (Keller 2000:76) bei der Reform des Hochschulwesens zu gewinnen.<>Beispiel 1: Antifaschismus<<>Bleibt zum Abschluss noch etwas Platz für konstruktive Kritik, bzw. der Versuch einen Ausweg aus der Misere zu finden. Wenn man dem ganzen Konzept der Masterisierung nicht abschwören will oder kann, dann sollte man schauen wie man am besten Kapital aus der Sache schlagen kann. Wie wäre also z.B. die weltweit erste Akkreditierung eines Studiengangs der zum „Master of Master-name-finding“ ausbildet? Gut, zugegeben, spätestens 2010 dürfte hier kein Geld mehr mit zu verdienen sein, schließlich soll bis dahin alles und überall umgestellt sein, aber welcher Job ist heutzutage noch sicher und zukunftsträchtig? Und im Fall der Fälle, kann man ja immer noch umschulen zum „Master of Unemployment“.pDamit ist die Ebene des Wissenschaftler-/Wissenschaftlerinnen-Individums angesprochen, des individuellen Subjekts wissenschaftlicher Arbeit.- Wie aber sieht das Verhältnis von Interessen und Wissenschaft auf der gesellschaftlichen Ebene aus, wie sieht es heutzutage aus?

Der für uns zum Hochschulalltag gewordene Neoliberalismus, behaupte ich, ist die vulgäre gesellschaftliche Organisation der von Marx kritisierten individuellen Gemeinheit – und zwar in der Form, daß politische Einflußnahme mehr und mehr durch die Schaffung und Nutzung ökonomischer Abhängigkeiten der Wissenschaft Betreibenden ersetzt wird. Stichwort Drittmittelforschung: Die Organisation der Forschungsförderung macht aus der Hochschule der Tendenz nach jene Oper, in der das Lied eben derer zu Gehör gebracht wird, die bezahlen. Wissenschaft ist heute nicht mehr, wie im Mittelalter, die Magd der Theologie, sondern – moderner, noch moderner, ja sozusagen postmodern – die Mätresse des Profits. Historisch gesehen, hat sich die Befreiung der Wissenschaft von der Theologie als große bürgerliche Tat verkehrt in die Unterwerfung der Wissenschaft unter die Bourgeoisie, zu der das Bürgertum eben verkommen ist.

Im Oktober 1947 empfahl daraufhin die “Interzonale Hochschultagung” in Hannover, der Studentenschaft auch das Recht auf Satzungsgebung einzuräumen. Nicht nur Max Horkheimer verstand daher die VS als “echte Schule zur Demokratie” (zitiert nach Kraushaar 1998:76). Auch Walter Killy schrieb über den erzieherischen Gedanken der VS: “Politische Erziehung kann nicht allein vom politischen Lehrstuhl her stattfinden. Sie muß ergänzt werden durch die Übung und Ausübung im Rahmen der Gemeinschaft der Universität. Die studentische Selbstverwaltung gäbe dazu reichlichen Raum, und es ist auch deshalb zu wünschen, dass sie greifbare Kompetenzen, einen realen und sinnvollen Übungsstoff erhält.” (Killy 1952:76)

Die praktische Umsetzung dieser Ideen blieb jedoch noch lange Zeit nicht gesetzlich abgesichert. 1962 nahm daher der “Verband deutscher Studentenschaften” die Ausgestaltung eines neuen Studentenschaftsrechts selbst in die Hand und forderte

  • Die VS als öffentlich-rechtliche Körperschaft, die in die Hochschule eingegliedert ist;
  • das Selbstverwaltungsrecht und Satzungsautonomie;
  • Dritten Aufgaben übertragen zu können;
  • die Gesamtheit der Studierenden zu vertreten;
  • an der Selbstverwaltung der Hochschule mitwirken zu können (insbesondere bei spezifisch die Studierenden betreffenden Maßnahmen);
  • die Möglichkeit, sich mit anderen stud. Zusammenschlüssen verbinden zu können (national und international);
  • die Beachtung der parteipolitischen und konfessionellen Neutralität;
  • Beiträge von den Mitgliedern erheben zu dürfen;
  • eine eigene Rechtstellung, um diese Aufgaben adäquat umsetzen zu können. (zitiert nach Keller 2000:79)

Die aufgelisteten Strukturen finden sich als Forderungen und Bestimmung der VS weitgehend noch heute so.

Im weiteren Lauf der Geschichte wurde die VS 1966 in Hessen (vgl. HHG § 35 in der Fassung von 1966) als Interessensvertretung der Studierenden mit Sitz und Stimme in Senat und Fakultät gesetzlich anerkannt, (die meisten anderen Bundesländer folgten). Im derzeit gültigen Hochschulrahmengesetz (HRG in der Fassung von 1999) ist mittlerweile die Bildung von Studierendenschaften festgeschrieben (vgl. HHG § 41), wenngleich es immer wieder auch Bestrebungen einzelner Länderregierungen gab, den VS ihre institutionelle Grundlage zu rauben, und zwar nicht nur (wie derzeit in Hessen) von der CDU, sondern z.B. auch von der SPD- und FDP-Koalition in Berlin 1969.

Die Gründung der FU 1948 ...

Auch wenn der Anlaß der Gründung der FU antikommunistischer Natur ist: Es existiert auch eine antifaschistische Komponente.

Gründungsstudent Klaus Heinrich erinnert sich 1967:

“Wir hatten die Lehre der NS-Zeit verstanden, die heute wieder vergessen ist: daß die politisierte Universität [im Sinn einer staatlichen Instrumentalisierung] identisch ist mit der vermeintlich unpolitischen. Wir wollten das politische Bewußtsein des Universitätsbürgers, es allein garantierte uns die Freiheit der Universität, die stellvertretend stand für die freie Gesellschaft.” (Heinrich 1967, S. 94) 5

So waren an der FU schlagende Verbindungen bis 1958 verboten.

... und die Folgen einer Unterschriftensammlung 1959:

Am 12.02. beschließt der Konvent eine Unterschriftensammlung für eine Petition an den Deutschen Bundestag. Darin werden die Parlamente und Regierungen aufgefordert, nationalsozialistische Richter, Staatsanwälte und Ärzte aus ihren Ämtern zu entlassen.

Aus diesem Anlaß richtet der Akademische Senat am 25.02. einen “Ausschuß für politische Meinungsäußerung akademischer Gremien” ein. Von diesem Ausschuß muß sich der AStA nun sogar Schreiben an andere ASten genehmigen lassen.

Beispiel 2: Wiederbewaffnung und Wiedervereinigung

Eine Befragung zur Wiederbewaffnung 1950 ...

Das politische Engagement war willkommen, solange es mit dem herrschenden System konform ging, solange es zum Beispiel eine Unterstützung der Wiederaufrüstung bedeutete. 1950 konnten unangefochten in einer Befragung, die 53,3 Prozent der 5500 Immatrikulierten der Freien Universität erfaßte, folgende Suggestivfragen gestellt werden:

  1. Haben die Prinzipien, die dem einzelnen das Recht zur Verteidigung von Freiheit und Leben einräumen, nach Ihrer Meinung dieselbe uneingeschränkte Geltung bei einem echten Notstand eines ganzen Volkes? Ja 88,6%, Nein 8,4%
  2. Halten Sie einen solchen Notstand durch das Vorgehen des Bolschewismus für gegeben? Ja 92,2%, Nein 4,7%
  3. Erscheint Ihnen ein deutscher Verteidigungsbeitrag als das geeignete Mittel, diesem Notsand zu begegnen? Ja 78,6%, Nein 16,4%" (Damerow, Furth, Greiff u.a. 1968, S. 13) 3

... , ein Schreiben an den VDS 1954 ...

Bundesinnenminister Schröder schrieb an den VDS (Verband Deutscher Studentenschaften):

“Der Tag der deutschen Einheit kann seine Bedeutung nur erhalten, wenn er wesentlich von der deutschen Jugend getragen wird. Ich wäre deshalb sehr dankbar, wenn durch alle Verbände, in denen die deutsche Jugend sich zusammengefunden hat, am Abend des 16. Juni gemeinsam Veranstaltungen aus Anlaß des Tages der deutschen Einheit (Kundgebungen, Fackelzüge) durchgeführt werden würden.” (Schröder 1954) 15

... und die Folgen des “Studentenkongresses gegen Atomrüstung” 1959:

Damit nun diese – neoliberale – Ökonomisierung der Wissenschafts-Beeinflussung reibungslos funktionieren kann, muß Politik als potentiell kritische Reflexion dieses Prozesses aus den Hochschulen verschwinden. Die Akteure des Wiederauflebens von politischen Klagen über und juristischen Klagen gegen das politische Mandat der Verfaßten Studentenschaft sind, so gesehen, die politische Säuberungskolonne des Neo-Liberalismus oder der neoliberalen Hochschulformierung, oder einfacher formuliert: die studentischen Putz-Lumpen der Reaktion.

Wir haben es also im Verhältnis von Politik und Wissenschaft mit zwei Ebenen zu tun:

Erstens haben wir es zu tun der individuellen Ebene, also auch der direkten Einflußnahme auf WissenschaftlerInnen – und damit auch mit deren potentiellem persönlichen Opportunismus (also mit der von Marx so genannte Gemeinheit), allerdings auch mit der potentiellen Widerständigkeit von WissenschaftlerInnen dagegen, die dazu allerdings auch ein politisches Klima brauchen, an dessen Schaffung Studierende immer eine wichtige Rolle gespielt haben. (Ich komme darauf zurück.) Und wir haben es zweitens mit der gesellschaftlichen Ebene zu tun, also jenem Prozeß gesellschaftlicher Größenordnung, in dem das Verhältnis von Wissenschaft/Hochschule und Gesellschaft/Politik geregelt oder reguliert wird, und in dem, salopp formuliert, im wesentlichen die politisch/ökonomisch das Sagen haben, die es auch sonst haben.

  • die Bildung eines zwei Zyklen umfassenden Ausbildungssystem, das sich in einen undergraduate und einen graduate Bereich trennt. Mit der europaweiten Etablierung eines solchen Systems könnten dann auch die verschiedenen nationalen Bildungssysteme vergleichbarer werden. Eine europaweite Annerkennung der beiden Abschlusssysteme (undergraduate und graduate) und Förderung der Attraktivität des undergraduate-Bereichs durch verschiedene Programme, bspw. multidisziplinäre Studien, Sprachprogramme, Austauschprogramme, etc.
  • Implementierung eines Kredit-Punkte-Systems (mindestens mit ECTS vergleichbar)
  • Erhöhung der studentischen Mobilität in Europa
  • Abschließend wird darauf hingewiesen, dass die Erfolgsaussichten eines solchen Unternehmens natürlich mit der Anzahl der teilnehmenden Nationen steigt. Folgerichtig werden die europäischen Staaten (nicht nur EU-Staaten) eingeladen, den Prozess zu unterstützen.

    Die Bologna Erklärung (The Bologna Joint Declaration)

    Alles in allem kann man die Aufgaben der VS (vgl. zum Aufbau, den Aufgaben, den Organen etc. der VS das HHG §§95-100) in zwei Bereiche teilen:

    Zunächst die ‘Selbsthilfe’ im Bereich der sozialen Belange und dann die im klassischen Sinne verstandene Bildung der Studierenden, die sich wiederum auf mehrere Gebiete erstreckt, nämlich die künstlerischen und musischen Interessen, die Pflege des Studentensports und eben auch den politischen Bereich (z.B. internationale Studentenbeziehungen, Satzungsautonomie etc.), der insgesamt zur Förderung des staatsbürgerlichen Verantwortungsbewusstseins der Studierenden hinwirken soll. Im HHG findet sich dem gemäß der Passus, dass die VS die Aufgabe hat, “auf der Grundlage der verfassungsmäßigen Ordnung die politische Bildung, das staatsbürgerliche Verantwortungsbewusstsein und die Bereitschaft ihrer Mitglieder zur aktiven Toleranz sowie zum Eintreten für die Grund- und Menschenrechte zu fördern” (HRG § 41.1.4).

    Insbesondere Bayern und Baden-Württemberg taten und tun sich bis heute mit der Umsetzung der VS schwer: Sie gehen Sonderwege, in denen den Studierenden die Bildung einer eigenständigen Körperschaft verwehrt ist. Dort hat die Studierendenschaft kaum Rechte, sondern ist der jeweiligen Universitätsleitung untergeordnet. Die hessische CDU versucht nun, dies auch für die hiesigen Hochschulen durchzusetzen. Daher muss nach den Ursachen gefragt werden, die die Idee der Abschaffung der VS erneut in die Diskussion gebracht haben. Diese Ursachen müssen dann kritisch reflektiert und vor allem mit den tatsächlichen Konsequenzen der möglichen Neustrukturierung verglichen werden. Nur so ist zu gewährleisten, dass zum einen die tatsächlich bestehenden Probleme adäquat gelöst, und zum anderen, dass die wirklichen Hintergründe entlarvt werden können.

    Das umstrittene Modell

    Der Status der VS wurde seit dem 2. Weltkrieg höchst kontrovers diskutiert: Während die einen sie als Auslaufmodell überholter Ordinarienuniversitäten darstellen und in der Körperschaft eine unrechtmäßige Einschränkung der Studierenden sahen, die es abzuschaffen gelte, stellte sie für die anderen die einzige Möglichkeit für eine dauerhaft tragfähige studentische Mitbestimmung und Selbstbestimmung der Studierenden an der Gruppenuniversität dar. Dieser liegt die Idee zugrunde, autonom und gleichberechtigt mit den anderen Gruppen der Hochschule (Professorenschaft und MitarbeiterInnen) die gesellschaftliche Verantwortung und die Aufgaben der Hochschulen wahrzunehmen.

    Ein neuer Ton in der Debatte

    “Unabhängig von der subjektiven Bereitschaft der Akteurinnen und Akteure des Hochschulstrukturreformprozesses, die Institutionen studentischer Mitbestimmung und Selbstverwaltung angemessen zu thematisieren, werden diese objektiv vom Reformprozess unmittelbar berührt. Dies wird dann augenscheinlich, wenn gegenwärtige Reformkonzeptionen den Hochschulen das Leitbild eines Dienstleistungsunternehmens verordnen und in diesem Rahmen den Studierenden den Status von Kundinnen und Kunden der Hochschule zuschreiben. [...] An die Stelle des Modells der politischen Steuerung durch Partizipation an hochschulischen Willensbildungs- und Entscheidungsprozessen tritt die Vorstellung einer ökonomischen Steuerung über einen Markt, auf dem sich die Hochschulen als Anbieterinnen und die Studierenden als Nachfragende Ware Studium gegenüberstehen.” (Keller 2000:3)

    Literatur:

    • Adam, Heribert: Studentenschaft und Hochschule. Möglichkeiten und Grenzen studentischer Politik, Frankfurt 1965



    Ein Grauen für alle, die ins Netz schreiben


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