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Kann es eine unpolitische Wissenschaft geben?

Politisches Mandat

Der den PM-Prozessen zugrundeliegende Wissenschaftsbegriff

Vortrag von Torsten Bultmann (BdWi) im Rahmen der Kampagne für Politik und Meinungsfreiheit des ASTA der FU Berlin (3.12.98, 18.00 Uhr Rost-/Silberlaube)

Liebe KollegInnen,
In den bisherigen Auseinandersetzungen um die PM-Klagen (so wie sie sich mir dargestellt haben) wurde von den betroffenen ASten immer hervorgehoben, daß es von der Sache her absurd sei, Hochschulpolitik und Allgemeinpolitik mechanisch entgegenzustellen. Dem stimme ich zu. In der Auseinandersetzung um das PM geht es folglich nicht um die Frage “Politik ja oder Nein?” sondern um die Frage “Welche Politik setzt sich an der Hochschule durch?” Anders gesagt: Auf welche gesellschaftliche Interessen wird der Wissenschaftsprozeß ausgerichtet? Welche Interessen und Ansätze werden ausgegrenzt? Speziell die Auseinandersetzungen in Münster, etwa um das Interview mit Emil Carlebach, belegen plastisch, daß es in den entsprechenden Maßregelungen wegen vermeintlich mißbräuchlicher Wahrnehmung des PM durch Studierendenvertretungen immer auch um das Verbot bestimmter Fragestellungen und wissenschaftlicher Gegenstandsbereiche geht.

Historisch läßt sich dies auch dadurch belegen, daß das PM in dem Maße überhaupt zum Thema geworden ist, wie wachsende Teile der Studierenden in Opposition zu den herrschenden politischen Verhältnissen Westdeutschlands geraten sind. Das konstruierte Problem eines “Politischen Mandats” tauchte erstmalig Ende der 50er Jahre in den Auseinandersetzungen um die Remilitarisierung auf.

Auf diese Weise entsteht eine schizophrene Situation, die man so umschreiben kann, daß es gar nicht möglich ist, auf das PM zu verzichten. Wer das tut, nimmt damit zugleich auf andere Weise das PM wahr. Auch eine Unterlassung ist ein politisches Verhalten und Schweigen kann unter bestimmten Bedingungen ein Verbrechen sein. In der Bonner AStA-Zeitung AKUT (Nr. 29/30, Dez/Jan 1966/67) ist das relativ gut auf den Punkt gebracht: “Wer also auf das politische Mandat verzichtet, macht sich zum Sachwalter der Autorität, akzeptiert das Ihm zugewiesene Ghetto und bietet der Gesellschaft die Möglichkeit, die Universität nach Belieben zu manipulieren. Mit dem Lockruf, nur und ausschließlich die Interessen der Studenten vertreten zu wollen, ziehen diese trojanischen Pferde als fünfte Kolonne der Obrigkeit in die studentischen Selbstverwaltungen ein, wo sie mit Bienenfleiß alles verwalten, ohne etwas zu ändern.”1

Ich möchte im folgenden zu zwei Thesen argumentieren, die ich vorweg kurz benenne:

1. Im Kern geht es bei den PM-Auseinandersetzungen nicht um juristische Spitzfindigkeiten oder vordergründige Profilierungen politisch nicht mehrheitsfähiger konservativer Grüppchen, sondern um die Rolle der Wissenschaft in der Gesellschaft. Den Angriffen auf das PM liegt – ebenso wie anderen Einschränkungen politischer Selbstorganisation an den Hochschulen – implizit ein bestimmter Wissenschaftsbegriff zugrunde. Dieser muß öffentlich problematisiert werden, um den Streit zu politisieren. Die Auseinandersetzung um das PM ist perspektivisch nur als Auseinandersetzung um die gesellschaftliche Funktion der Wissenschaft gewinnbar.

2. Heute unterstützen die PM-Klagen den Prozeß einer Neukonstituierung der Hochschulen als “Dienstleitungsbetrieb” für den Wirtschaftsstandort Deutschland. Diesem Leitbild entspricht die Vorstellung einer Hochschulorganisation, welche sich a) durch ihre pure ökonomische und technische “Effizienz” rechtfertigt, welche folglich b) die Thematisierung alternativer oder konkurrierender politischer Optionen der Wissenschaftsentwicklung ausschließt, ergo in einem konstitutiven Sinne unpolitisch ist.

ad 1: Zum Wissenschaftsbegriff

Charakteristisch für die deutsche Wissenschaftstradition und die sie verkörpernden staatsnahen akademischen Eliten ist eine bestimmte Auffassung hinsichtlich des Verhältnisses von Wissenschaft, Gesellschaft und Staat. Als exemplarisches Beispiel dafür möchte ich die Festansprache von Professor Hartmut Schiedermair, dem Vorsitzenden des Deutschen Hochschulverbandes (der etwa zwei Drittel aller UniversitätsprofessorInnen vertritt), auf dem 45. Verbandstag 1995 in Mannheim zitieren. Schiedermair entwickelt dort in gewaltigen Worten unter Anwesenheit von Helmut Kohl eine Jahrhundertbilanz der deutschen Universitätsgeschichte. Diese reduziert er auf den immerwährenden Kampf zweier feindlicher Prinzipien. Das eine bezeichnet er als “Freiheit des Geistes”, das andere (negative) als “Prinzip der Parteilichkeit der Wissenschaft.” Die gesamte Universitätsgeschichte des 20. Jahrhunderts ist aus dieser Perspektive durch den “unablässige(n) Zwang” bestimmt, “die eigene Lebensform als Einrichtung der Wissenschaft gegenüber den Erwartungen und Herausforderungen von Politik und Gesellschaft stets neu zu definieren und zu behaupten.” Für diesen Prinzipienstreit werden explizit zwei eskalierende Höhepunkte benannt. Der erste wird beschrieben als “die Auseinandersetzung mit jenem Prinzip der Parteilichkeit, mit dem ein korrumpiertes Staatswesen in Deutschland zwischen 1933 und 1945 zum ersten Mal auf die Universitäten und ihre Wissenschaften zugegriffen hat.” Als zweiter Höhepunkt wird das Jahr 1968 angegeben, in dem “das Prinzip der parteilichen Wissenschaft in der marxistisch dominierten Studentenrevolte ..... eine irritierende Renaissance erfahren” hätte.2 Dann folgen noch einige Ausführungen zur DDR, in der das negative Prinzip sowieso mit der Staatsmacht identisch war.

Diese Konstruktion ermöglicht es unter wissenschaftspolitischen Gesichtspunkten Nationalsozialismus, (historische) 68er- Studentenbewegung (die explizit als “Renaissance” der Erfahrungen mit den Nazis benannt ist) und die DDR auf eine Stufe zu stellen, indem alle drei dem negativen Prinzip “Parteilichkeit der Wissenschaft” subsumiert werden.

Der Entlastungseffekt dieses Arrangements ist ganz enorm. Schließlich war ja etwa einer der Konstituierungsfaktoren der 68er-Bewegung die kritische Frage nach der Funktion der Universität und der Rolle der akademischen Eliten im NS-Regime. Wenn Schiedermair das Verhältnis von Nazis und Universitäten als eine solches des “Zugriffs” beschreibt, der logischerweise “von außen” erfolgt sein muß und damit (in dieser Formulierung) der Universität wesensfremd ist, kann die Frage nach der aktiven Kooperation eines erheblichen Teils der Professoren mit dem Faschismus, nach der Mobilisierung der Wissenschaft für die geopolitischen Ziel der Nazis, ebenso ausgeblendet werden, wie die daraus resultierende zusätzliche Frage, ob es vielleicht sogar eine Affinität zwischen Faschismus und universitärem Bildungsbürgertum gegeben haben könnte.

Schlimmer als die, die die Fehlentscheidungen abnicken, sind die, die die abnicken, die die Fehlentscheidungen abnicken.
(Pater Rolf Hermann Lingen, römisch - katholischer Priester)



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