Artikel

Internationalisierung im Zeichen des Wettbewerbs

Der Bologna-Prozess zur Schaffung eines europäischen Hochschulraums vernachlässigt die Bildung als individuelles und soziales Grundrecht

Seit ein paar Jahren haben die Diskussionen um Bildung Konjunktur. Auch wenn die Finanzströme bislang nicht recht folgen wollen, so gehört ein Lob der Bildung doch inzwischen zum Standardrepertoire durchschnittlicher Sonntagsreden. Und im letzten Sommer konnten wir in den Papieren der Europäischen Union lesen: „Die europäischen Systeme der allgemeinen und beruflichen Bildung [sind] Schlüsselfaktoren für die Entwicklung des langfristigen Wettbewerbspotenzials der EU sowie für den sozialen Zusammenhalt“ (Mitteilung der Europäischen Kommission an den Europäischen Rat und das Europäische Parlament: Effizienz und Gerechtigkeit in den europäischen Systemen der allgemeinen und beruflichen Bildung, September 2006).

Bildung für den Standort

Die Europäische Union hat offenbar erkannt: Das neue Arbeitsmarktregime erfordert eine neue Qualifizierungsoffensive. Ein Drittel der Erwerbstätigen – 75 Millionen Menschen – werden von der EU den Geringqualifizierten zugerechnet. Im Jahr 2010, so die Prognose, werden in der EU allerdings nur noch 15 Prozent der Arbeitsplätze von Geringqualifizierten besetzt werden können. Der technologische Fortschritt und der Boom der Dienstleistungsbranche sind mit der jetzigen Qualifizierungsstruktur der europäischen BürgerInnen kaum zu bewältigen. Deshalb sollen mehr Menschen eine bessere Qualifizierung erfahren.

Bildungspolitik wird in der Europäischen Union im Wesentlichen als Teil der Lissabon-Strategie verstanden. Im März 2000 waren die europäischen Staats- und Regierungschefs in Lissabon zusammengekommen, um der Europäischen Union ein neues strategisches Ziel zu geben. Dabei einigten sie sich auf das Vorhaben, die EU bis 2010 zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt zu machen. Hierfür formulierten sie als Herausforderung, die EU müsse „sich auf ein ambitioniertes Programm für den Aufbau von Wissensinfrastrukturen, die Förderung von Innovation und Wirtschaftsreform und die Modernisierung der Sozialschutz- und Bildungssysteme einigen.“ Die politische Sortierung ist demnach klar: Zielmarke ist die herausgehobene Stellung der europäischen Wirtschaft auf dem Weltmarkt. Die Bildungspolitik ist ein Instrument, welches sich an diesem Ziel ausrichten und sich an seiner Realisierung messen lassen muss.

In dem zitierten EU-Papier geht es dem Titel zufolge um „Effizienz und Gerechtigkeit in den europäischen Systemen der allgemeinen und beruflichen Bildung“. Bei der Behandlung des Gerechtigkeitsaspekts beklagt die EU-Kommission: „Derzeit werden bestehende Ungerechtigkeiten noch zu häufig durch die bestehenden Systeme der allgemeinen und beruflichen Bildung gestützt oder sogar verstärkt.“ Diesem Zustand sollen Strategien entgegengesetzt werden, bei denen sich Gerechtigkeit und Effizienz gegenseitig verstärken. Das heißt: Die Gerechtigkeit der europäischen Bildungssysteme soll erhöht werden. Das heißt aber auch: Die Gerechtigkeit muss nur soweit erhöht werden, wie dies zur Effizienz der europäischen Bildungssysteme beiträgt. Und diese Effizienz bemisst sich an der Wettbewerbsfähigkeit des europäischen Wirtschaftsstandorts, nicht an der Persönlichkeitsentwicklung und Selbstentfaltung der in der EU lebenden Menschen oder am sozialen, kulturellen und ökologischen Fortschritt.

Widersprüchlichkeit der EU-Bildungspolitik

Konsequent in ökonomischer Perspektive bleibend betrachtet die EU Nichtqualifizierung im Hinblick auf die hierdurch entstehenden Kosten. Wer eine geringe Qualifizierung habe, zahle im Allgemeinen weniger Steuern, nehme mehr öffentliche Mittel in Anspruch, ja, werde sogar häufiger krank und liege damit dem Gesundheitssystem auf der Tasche. Das EU-Papier „Gerechtigkeit und Effizienz [...]“ stellt zwar durchaus fest, dass geringqualifizierte Menschen „immer stärker Gefahr [laufen], arbeitslos und sozial ausgegrenzt zu werden.“ Das individuelle Schicksal ist aber nicht Handlungsantrieb; es geht offenkundig nicht darum, Menschen durch mehr Bildung neue Möglichkeiten zu eröffnen, sondern darum, öffentliche Kosten zu minimieren.

Die Forderung der EU-Kommission nach effizienten europäischen Bildungssystemen umfasst auch die Forderung, alle Qualifikationspotentiale zu nutzen. Jeder und jede soll seine bzw. ihre Chance im Bildungssystem bekommen. Auch wenn uns dies aus einer emanzipatorischen Perspektive bei weitem nicht genügen kann, sollte nicht darüber hinweggetäuscht werden, dass sich hier durchaus einige Anknüpfungspunkte für eine progressive Bildungspolitik finden: Um allen Kindern eine „faire Chance“ zu bieten, fordert die EU einen massiven Ausbau der frühkindlichen Bildung – aus öffentlichen Geldern. Sie tritt außerdem für Schulsysteme ein, in denen Kinder und Jugendliche möglichst lange gemeinsam lernen und verweist hierbei explizit auf die verheerenden Effekte sozialer Ausgrenzung im deutschen mehrgliedrigen Schulsystem.

Das was geschieht, geschieht nicht, weil einige es wollen das es geschieht, sondern weil die Mehrzahl der Menschen ihren Willen ausschaltet und es geschehen lässt.
(Gramsci)



Ein Grauen für alle, die ins Netz schreiben


219 Hintergrundartikel
in 40 Themen

Wähle einen Ort: