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Ein Plädoyer für die Gesamtschule

ZDFonline:Dieser startete am 09. November um 06:00 Uhr morgens, in Gedenken an den Beginn der Außerparlamentarischen Opposition. 1967 noch unter dem Motto “Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren”, dreht es sich 42 Jahre später nicht um einen Konflikt zwischen Studierenden und Lehrenden. Studierende in Österreich und Deutschland fordern, dass die Versprechen nach einer gerechten Bildungspolitik endlich eingelöst werden.

Was halten Sie von der Idee, ähnlich wie in den laut PISA-Studie erfolgreichen EU-Nachbarländern, die Schüler mindestens neun Jahre lang zusammen zu unterrichten, statt sie schon nach vier Jahren Grundschulzeit zu selektieren?

Michael Hartmann:Auf seinem Weg von der nördlichsten, deutschen Volluniversität zum Wiener Audimax wird der Konvoi an mehreren deutschen Hochschulen halt machen und dort Solidarisierungserklärungen, Grußworte und vor allem Carepakete einladen.
Die Carepakete werden alles enthalten, was das BesetzerInnen-Herz begehrt: Kaffee, Schokolade, Toilettenpapier, Gemüse, Zeitschriften und vieles mehr.

Das wird dringend nötig, da alle Experten wissen, dass das deutsche dreigliedrige Schulsystem ein Anachronismus ist. Das heißt, es ist nicht nur negativ zu bewerten, weil es sehr früh sozial selektiert, sondern sondern auch deshalb, weil die Hauptbegründung für die frühe Auslese sich als falsch herausgestellt hat: dass mit dem dreigliedrigen Schulsystem leistungshomogene Klassen entstehen, die für die stärkeren Schüler dann auch bessere Bedingungen schaffen. Die Leistungshomogenität ist nicht zum Vorteil geworden, sondern eher zum Nachteil.

ZDFonline:Zurzeit sind die Studierendenvertretungen der Uni Flensburg, FH Flensburg, Uni Lübeck, Uni Hamburg, Uni Hannover, Uni Göttingen, Uni Kassel, Uni Marburg, Uni Frankfurt, Uni Heidelberg, Hochschule Darmstadt, Uni Würzburg, FH Nürnberg und LMU München an Bord, weitere haben Interesse bekundet und werden im Laufe des Wochenendes folgen.
Ab welchem Alter kann man Ihrer Ansicht nach überhaupt realistisch beurteilen, welches Potenzial ein Kind hat?

Hartmann:Zusätzlich wird die Aktion vom AStA FH Aachen, UStA Uni Karlsruhe, U-AStA Uni Freiburg, U-AStA Uni Konstanz und die FaVeVe der Uni Stuttgart unterstützt.
In Österreich werden die Universitäten in Salzburg und schließlich Wien angesteuert, um dort die Pakete und Botschaften aus Deutschland zu überreichen.

Die Praxis, erst nach der Mittelstufe zu trennen, wie es in allen anderen Ländern der Fall ist, halte ich für sinnvoll –Der Roadtrip durch die von Kanzlerin Merkel ausgerufene Bildungsrepublik Deutschland, soll auf die desolaten Zustände an deutschen Hochschulen und den Protest der österreichischen KommilitonInnen aufmerksam machen.
denn erst dann wird erkennbar, für welchen weiteren Bildungsweg ein Kind geeignet ist. Es gibt eine Reihe von Untersuchungen, die belegen, dass der Zeitpunkt wie er bei uns gewählt ist, viel zu früh ist. Gerade für die sozial benachteiligten Schüler aus so genannten bildungsfernen Familien erfolgt die Trennung sehr früh, weil diese Kinder ja besonders lange Zeit brauchen, sich entwickeln zu können. Sie müssen in der Schule all das nachholen, was sie von der Familie an Bildung nicht mitbekommen haben.

ZDFonline: Ist es richtig, dass die soziale Herkunft in Deutschland im internationalen Vergleich den Bildungsweg am stärksten beeinflusst?

Hartmann:Der Kurs der deutschen und österreichischen Bildungspolitik, ist ein Blindflug, der sich allein dem Primat der Ökonomie unterwirft. Wird dieser einhalten, leiden nicht nur die Studierenden, sondern auch die Lehrenden an den Universitäten: Freie Forschung und Lehre sind nicht möglich, wenn man von autoritären Vorständen gegängelt wird und ewig auf der Jagd nach Drittmitteln ist. Aber ohne eine hochqualitative Lehre an ALLEN Hochschulen, sowie Orchideenfächern gibt es keine qualifizierten Nachwuchsforscher.
Unter dieser Fehlentwicklung leidet langfristig jedeR in der Ge Das giltsellschaft – die Hochschulen sind für die Breite.ein notwendiges Korre Wenn man sich mal diek Schulen in den tUSA anschaut, ist iv es schon ein Unterder Gesellschaft, sowschie ein Antrieb fied, ob die Schulür e in der Bronx odeFortschritt und Lebensrstandard.

in einem wohlhabenden Vorort von New York steht. Aber in der gesamten Breite ist d

ZDFonline:Dabei müssen Studierende, wie auch Lehrende, an einem Strang ziehen. Deshalb plant die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel dem AStA auch Fahrzeuge für die Fahrt zur Verfügung zu stellen.

Was halten Sie von der Aussage der CDU-Bildungsexpertin Katherina Reiche, mit “Gleichmacherei” sei keine Qualitätsverbesserung zu erreichen?

Hartmann: Beim Argument mit der “Gleichmacherei”Der AStA der Uni Kiel wird während der Fahrt auf seiner Internetseite (http://asta-kiel.derneye.de) über den Verlauf der Fahrt berichten und diese sowohl mit Foto-, wie Videokameras festhalten.

ist immer mit dem Vorteil leistungshomogener Klassen argumentiert worden. Gerade das ist ja inzwischen widerlegt. Die “Gleichmacherei” führt nicht dazu, dass die Spitze der Schüler schlechter wird – wenn man sich die ganzen skandinavischen Länder anschaut, ist genau das Gegenteil der Fall.

ZDFonline: Die Gesamtschulen in Deutschland haben ein schlechtes Image. Monika Hohlmeier (CSU) kritisierte den “miserablen Zustand” der Gesamtschulen. Auch Erwin Teufel (CDU) erklärte, es sei seit Jahren erwiesen, dass Einheitsschulen den Schülern nichts nützten. Was halten Sie von der Kritik?

Hartmann: Als etwa in Schweden Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre die Gesamtschulen eingeführt wurden, hat man nicht den Fehler gemacht, die Gesamtschulen neben den Gymnasien zu installieren, sondern man hat die Gymnasien durch die Gesamtschulen ersetzt. In Deutschland hat man in den Ländern, die Gesamtschulen eingeführt haben, die Gymnasien weiter existieren lassen. Die Eltern aus gutbürgerlichen Familien schicken so ihre Kinder weiter auf die Gymnasien und die Gesamtschulen nehmen den Rest auf. Da man so den Gesamtschulen die Schüler aus Familien mit besseren Vorraussetzungen entzieht, können die Gesamtschulen in der Konkurrenz nicht mithalten – und das führt zu dem schlechten Image der Gesamtschulen. In anderen Ländern gibt es diese Konkurrenz nicht – sondern eben nur ein System: das der Gesamtschule für alle, nicht nur für den Rest.

ZDFonline: Die hessische Kultusministerin Karin Wolff lässt die Beanstandungen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zur Bildung in Deutschland für ihr Bundesland nicht gelten. Die Kritik der OECD-Studie sei “destruktiv und haltlos”.

Hartmann:



Ein Grauen für alle, die ins Netz schreiben


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