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Die Auswirkungen von Studiengebühren auf Bildung und Wissenschaft

Studiengebühren

Das ist völlig berechtigt, da aller Anlass zur Vermutung besteht, dass Studiengebühren die Negativeffekte eines ohnehin sozial selektiven Bildungssystems verstärken würden. Allerdings sollten wir bei dieser Betrachtung nicht stehen bleiben, da Studiengebühren auch erheblich Auswirkungen auf eine Neuausrichtung des Verhältnisses von Bildung, Wissenschaft und Gesellschaft insgesamt haben. In der Begründung des aktuellen NRW-Gebühren-Gesetzesentwurfes steht etwa zu lesen, dass es durch die geplanten »Studienbeiträge« gelänge, »wettbewerbliche Steuerungsmechanismen in das Hochschulsystem einzubringen«. Über solche Formeln wird leicht hinweg gelesen, weil sie zum üblichen neoliberalen Phraseneintopf zu gehören scheinen. Ich plädiere dafür, solche Aussagen wörtlich zu nehmen und nach den Konsequenzen zu fragen. Denn in den vorherrschenden Hochschulumbaukonzepten sollen Gebühren tatsächlich im umfassenden Sinne »steuern«: das individuelle Bildungsverhalten, den Einsatz des wissenschaftlichen Personals, die staatlichen Hochschulfinanzen und – last not least – die Inhalte von Forschung und Lehre. Unterstellt wird dabei – in der Regel ohne jegliche argumentative Begründung -, dass auf diese Weise durch mehr Wettbewerb auch der gesellschaftliche Nutzen von Wissenschaft erhöht würde.

Gemäß den gängigen »Humankapital«-Theorien erzeugen Studiengebühren, verstanden als »Investition«, ein ziel- und zweckorientierteres Bildungsverhalten, da sie in Erwartung einer künftigen Bildungsrendite (»Return of Investment«) in Gestalt eines Markteinkommens gezahlt bzw. als Kredit in Anspruch genommen würden. Die Kehrseite davon: in den Köpfen findet bereits während des Studiums tendenziell eine Art Vor-Selektion statt: gesellschaftliche Fragestellungen und Probleme werden nicht mehr unvoreingenommen betrachtet und wissenschaftlich-intellektuell frei bearbeitet, sondern auf ihre künftige Vermarktungsfähigkeit hin identifiziert. Der Markt definiert in den neoliberalen Modellen aber zugleich den »Erfolg« der gesamten Hochschulorganisation. »Gute« Lehre zieht dementsprechend viele Studierende an – die Gebühreneinnahmen der jeweiligen Hochschuleinrichtungen steigen usf. Manche Modelle wollen diesen Effekt verstärken, indem sie auch die staatliche Grundfinanzierung der Hochschulen – und damit etwa den Einsatz des wissenschaftlichen Personals – stärker an der sog. studentischen »Nachfrage« nach Studienangeboten ausrichten. Stark nachgefragt in diesem Sinne ist aber vor allem das, was vorher schon erfolgreich war: etwa auf dem Arbeitsmarkt! Dies bewirkt einen inhaltlichen Konzentrationseffekt auf den Mainstream. Wirkliche wissenschaftliche Innovation funktioniert aber genau andersherum, nämlich im Bruch mit etablierten Anschauungen und Erfolgsprognosen.

Wir sind die Zweitgeborenen der Geschichte, Leute! Männer ohne Zweck, ohne Ziel. Wir haben keinen großen Krieg, keine große Depression. Unser großer Krieg ist ein spiritueller. Unsere große Depression ist unser Leben. Wir wurden vom Fernsehen aufgezogen, in dem Glauben, das wir alle irgendwann einmal Millionäre werden, Filmgötter, Rockstars. ...Werden wir aber nicht! Und das wird uns langsam klar. Und wir sind kurz, ganz kurz vor'm Ausrasten.
(Aus: Fightclub)



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