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Bachelor und Master: Ziele,Realität und Kritik

Hochschulreform

Nahezu alle an den bisherigen Klageverfahren gegen die Organe der Verfaßten Studierendenschaft beteiligten Verwaltungsgerichtsinstanzen konzedieren, “dass zwischen hochschulbezogenen (...) und allgemeinpolitischen Fragestellungen fließende Übergänge bestehen und die Grenzziehung demzufolge häufig schwierig ist.” Die daraus für die verantwortlichen StudierendenvertreterInnen resultierende Unsicherheit wird jedoch von den meisten Gerichten in konkreten Verfahren ignoriert. Dessen ungeachtet sind die Urteile und Beschlüsse der Verwaltungsgerichte höchst uneinheitlich. Dies gilt insbesondere für Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern.<>Ab diesem Semester werden deutschlandweit immer mehr Studiengänge nur noch im zweistufigen Bachelor und Master System angeboten. Höchste Zeit also, die wesentlichen Eckpunkte der Reform aufzuzeigen, sowie Kritik zu formulieren. Denn es liegt an den Studierenden wie die Umsetzung genau aussehen wird. Auch die Lehrenden wissen nicht, was auf sie zukommt und deshalb ist es wichtig, dass alles angemerkt wird, was schief läuft. Diese Zusammenstellung soll das fundierte Kritisieren erleichtern.

1) Warum gibt es die neuen Studiengänge und was waren die Ziele der Einführung?

1999 wurde in Bologna die Schaffung eines europäischen Hochschulraum beschlossen und die Bachelor/Master Struktur als Vorgabe mit dem Bachelor als Regelabschluss festgelegt. Ziele waren v.a. die Folgenden:

  • Größere Mobilität und Internationalität durch vergleichbarere Bewertungen, Abschlüsse und grenzübergreifende Studiengänge
  • Weniger Abbrecher durch eine straffere Struktur des Studiums und eine bessere Verzahnung der Inhalte durch einen modulären Aufbau
  • Jüngere Absolventen und mehr Studierende durch eine verkürzte Studienzeit
  • So stellt beispielsweise das Verwaltungsgericht Berlin die Durchführung einer Vortrags- und Diskussionsreihe zu gesellschaftlich relevanten Themen (u.a. Rassismus, Energiepolitik und deren Bezug zu Hochschule und Wissenschaft) unter Strafe und verhängt ein Ordnungsgeld von 10.000 DM, wohingegen die Durchführung entsprechender Veranstaltungsreihen in Nordrhein-Westfalen seit der Gesetzesnovellierung von 1997 im Rahmen der politischen Bildungsarbeit der Organe der Verfaßten Studierendenschaft grundsätzlich zulässig ist.

    Diese Rechtsunsicherheit führt in vielen Fällen zum Schweigen der Studierendenschaften, wenn ihr couragiertes Engagement dringend geboten wäre. So führt die Angst vor der vielerorts herrschenden restriktive Rechtsprechung beispielsweise dazu, dass sich viele Studierendenvertretungen entscheiden, nicht am notwendigen Kampf gegen rechtsradikale Bestrebungen teilzunehmen und zu Rassismus und Ausländerfeindlichkeit zu schweigen.

    Bessere Betreuung der Studierenden und größerer Praxisanteil im Studium

    2) Wie sieht die Umsetzung dieser Ziele bisher aus?

    Man muss zwar sagen, dass bisher noch nicht so viele Erfahrungen mit den gestuften Studiengängen bestehen, und daher die Datengrundlage noch eher schmal ist, aber es zeichnen sich bedenkenswerte Tendenzen ab:

    • Dies ist allerdings kein sonderlich neues Problem. So forderte bereits 1997 der brandenburgische Ministerpräsident Manfred Stolpe die Studierendenschaften seines Bundeslandes auf, sich gegen Fremdenfeindlichkeit einzusetzen. Die Studierendenvertretung der Uni Potsdam stand damals wie heute vor dem Problem, erst kurz zuvor ein Engagement im sogenannten allgemeinpolitischen Bereich von den Verwaltungsgerichten untersagt bekommen zu haben. Ähnlich die Situation für den AStA der FU Berlin. Dieser wurde im Frühjahr 2000 vom Bundesinnenministerium aufgefordert, an der Auftaktveranstaltung des Bündnisses für Demokratie und Toleranz teilzunehmen, während nur einige Wochen später das OVG Berlin einen Ordnungsgeldbeschluss des VG Berlin über 10.000 Mark u.a. aufgrund einer Veranstaltung mit dem Titel “Rassistische Diskurse - Rassistischer Alltag” bestätigte.
    • Die Mobilität in den bisher geschaffenen Bachelor- liegt teilweise deutlich unter der der alten Magister- und Diplomstudiengänge. Trotz des häufigeren Wunsches nach Wechsel (16% vs 5 bzw. 4%) wechseln nur 10% der Bachelor Studierenden (vs.13 bzw.12%) tatsächlich die Uni und vor allem nicht innerhalb des Studienganges (nur 1 von 100 Studierenden vs. 5 bzw. 4 v.H.).

    • Auch die Internationalität ist niedrig. Gerade einmal 3% der Bachelor-Studierenden haben ein oder mehrere Semester im Ausland verbracht.
    • Die Abbrecherquote ist entgegen der Erwartungen nicht gefallen, sondern gestiegen. Insgesamt lag die Abbruchquote 2006 an Unis und FHs bei durchschnittlich 21%. Im Bachelor lag sie durchschnittlich bei 30% und an den FHs sogar bei 39%An solchen und ähnlichen Beispielen aus der alltäglichen Arbeit wird das Dilemma reterInnen vielerorts befinden. Eine Erw
    • Konflikt zwischen Gesetzgeber und Rechtsprechung der Verwaltungsgerichte

      Eine bessere Betreuung der Studierenden ist an vielen Universitäten und Fachhochschulen faktisch nicht möglich, weil das Personal nicht entsprechend aufgestockt worden ist. Vielerorts kann mit den bisherigen Finanzmitteln bei der vorgesehenen Bachelor Betreuungsrelation kein einziger Master-Platz geschaffen werden.

    • Die Einbindung von Praxisphasen wird von den Studierenden als mangelhaft beschrieben und nur 30% der Studierenden absolvierten ein Praktikum (davon 13% Pflichtpraktika). In den alten Studiengängen lag diese Zahl bei 45% (25% Pflichtpraktika)
    • Die Akzeptanz unter den Studierenden fällt deutlich. Nur noch 36% bewerten Bachelor-Studiengänge als positiv. 2003 waren es noch 51%.

    3) Was sind die wesentlichen Vor-und Nachteile der Reform und wo kann daher Kritik ansetzen?

    Vorteile:

    • Es gibt den bisherigen Studien zufolge in den Geisteswissenschaften weniger Abbrecher.
    • Die Absolventen sind in der Regel jünger bei Beendigung des Studiums. Erkauft wird dies allerdings mit einer weniger breiten und fundierten Ausbildung.
    • Mit einer solchen Gesetzesänderungen würde der Gesetzgeber gleichzeitig ein eindeutiges Zeichen gegen die Praxis der Verwaltungsgerichte setzen, im Bereich der Kompetenzregelung der Verfassten Studierendenschaften als Gesetzgeber zu fungieren und die Befugnisse der VS zu regeln. Die Problematik ihrer eigenen Rolle als Quasi-Gesetzgeber wird nur wenigen Gerichten bewusst. Eine der wenigen positiven Ausnahmen stellt ein Urteil des Verwaltungsgerichts Bremen aus dem September 1997 dar, in dem dieses einen Antrag auf einstweilige Anordnung gegen die Studierendenschaft der Uni Bremen ablehnte, dMa it den Maste&r-Programmen ist eine noch gezieltere#8220 ;Spezialisierung als bisher idm Hauptstudium möglich. Diese iOption steht allerdings auche bisher schon all Übergänge zwischen hochschulpolietischen und geselnlschaftspolitischen Fragest ellungen fließend seAbsolventen (allerdings zumieist gegen Zweitstuden.iumsgebühren) offen.”

    Nachteile:

    • Genau aus diesem Grunde aber dürfe vom Gesetzgeber “kein zu kleinlicher Maßstab angelegt werden, solle die Studentenschaft nicht im Übermaß eingeschränkt und den Verwaltungsgerichten nicht die Rolle eines Zensors zugespielt werden.” Nur zwei Monate später hob das Oberverwaltungsgericht diesen Beschluß bedauerlicherweise wieder auf. Die OVG-Richter wußten genau, wie diese “fließende” Grenze zu bestimmen ist: untersagt wurden unter anderem Äußerungen “zur Energiepolitik”, “zur Politik der Inneren Sicherheit” und “zur allgemeinen Arbeitsmarktpolitik”.
    • In Berlin hat der Konflikt noch absurdere Dimensionen angenommen. Eine Koalition aus SPD und Alternativer Liste hatte hier im Jahre 1990 mit einer Änderung des Landeshochschulgesetzes erreichen wollen, dass die Studierendenschaften in Zukunft von einschlägigen Klagen verschont bleiben. Vergebens, wie sich inzwischen herausgestellt hat. Die Berliner Verwaltungsgerichte behaupten, das Landeshochschulgesetz untersage weiterhin jedwede politische Betätigung. Auch die parallel zu einem Verfahren gegen den AStA der FU Berlin im Januar 1999 von den am Gesetzgebungsprozess maßgeblich beteiligten ParlamentarierInnen bekräftigte Intention des Gesetzgebers von 1990 wurde vom Berliner Verwaltungsgericht ignoriert, obwohl es eigentlich verpflichtet ist, auch die Intention des Gesetzgebers beim Gesetzgebungsprozess bei der Auslegung der Gesetze zu berücksichtigen.

      Der gravierendste Nachteil ist bei erster Betrachtung der Reform nicht so offensichtlich, aber die Umstellung auf die gestuften Studiengänge wird zu einer deutlich verschärften sozialen Selektion unter den Studierenden führen. Insbesondere im Zusammenhang mit der Einführung von Studiengebühren und Eliteunis wird es zukünftig Studienangebote erster und zweiter Klasse geben. Das Bachelor-Studium wird mit keinen oder geringeren Studiengebühren belegt sein, vom Bafög gefördert werden und an allen Universitäten studierbar sein. Beim prestigeträchtigen Master hingegen wird in Zukunft die Spreu vom Weizen oder der Studierende mit bildungsfernem Hintergrund von jenem mit bürgerlichem Elternhaus getrennt werden. Wäre der Master als Regelabschluss geplant, dann hielten sich die Veränderungen in Grenzen, aber die Vorgaben der Politik sehen eine maximale Zulassung von 50% der Bachelorstudierenden vor und an Eliteunis könnte diese Quote noch weit niedriger liegen. Zudem werden die Master-Studiengänge auf lange Sicht deutlich teurer sein, wie der erste Studiengebührenentwurf in Hessen andeutete, aufgrund des hohen Aufwandes nicht an allen Universitäten angeboten werden und u.U. nicht mehr vom Bafög gefördert werden, da der Studierende ja bereits einen berufsqualifizierenden Abschluss besitzt. Die Kombination aus Übergangsquoten, höheren Studiengebühren und fehlender finanzieller Förderung aber wird es für viele und besonders für die sozial schwächeren Studierenden unmöglich machen einen Master-Abschluss zu erlangen. Der „Flaschenhals der höheren Bildung“ wird immer enger.

    • Eine Änderung des Hochschulrahmengesetzes hat daher vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen auch die wichtige Aufgabe, gegenüber den Verwaltungsgerichten ein Zeichen zu setzen und deren relativ unkontrollierte Rechtssetzung wieder unter das Primat der Politik zu stellen.
    • VI. Der Handlungsspielraum des Gesetzgebers

      In Deutschland besteht bereits ein selektives Schulsystem und wenn nun ein noch selektiveres Hochschulsystem dazu kommt, wird es auf lange Sicht einen erheblichen Mangel an gut qualifizierten Menschen geben.

    • Werden PolitikerInnen mit den rechtlichen Schwierigkeiten politisch aktiver Studierendenschaften konfrontiert, lassen sich zwei Arten von Reaktionen unterscheiden: Entweder die PolitikerInen wollen nicht helfen oder sie würden ja gerne, könnten aber nicht helfen. Dabei berufen sich letztere nicht selten auf angebliche verfassungsrechtliche Sachzwänge. Nachfolgend soll deshalb gezeigt werden, dass der Gesetzgeber sehr wohl den erforderlichen rechtlichen Handlungsspielraum besitzt, durch eine Gesetzesänderung den Studierendenschaften zu helfen.
    • Im Gegensatz zu den alten Abschlüssen bietet der B

    • Die Grenzen des Gesetzgebers liegen im Grundgesetz (GG), über dessen Einhaltung das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) zu wachen hat. Für unsere Fragestellung ist deshalb die Haltung des BVerfG von Interesse, auch wenn diese sicherlich in manchen Punkten kritisiert werden kann und an anderer Stelle auch sollte.
    • Haltung des BVerfG

      Wie bereits genannt, deutet sich eine niedrigere Mobilität und Internationalität im Bachelor an. Die Gründe sind ebenfalls in den verschulteren Stundenplänen zu suchen, und es wird für die Masse der Studierenden schwerer werden einen Auslandsaufenthalt oder einen Hochschulwechsel zu realisieren und hierdurch weiterführende Kompetenzen zu erlangen.

    • Zuletzt ist auch das Humboldtsche Bildungsideal mit der Einheit aus Lehre und Forschung in Gefahr, da das Bachelorstudium zunehmend von Zielvorgaben in Hinsicht auf wirtschaftliche Verwertbarkeit und damit von externer Steuerung beeinflusst werden wird.


Ein Grauen für alle, die ins Netz schreiben


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