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Arm bleibt arm und reich studiert

Studienfinanzierung In der unmittelbaren Nachkriegszeit war das politische Mandat der Studierendenschaften unumstritten. Die ASten waren aus dem Spektrum besetzt, aus dem jetzt die Kläger stammen. Erst Ende der 50er Jahre beginnt die Studierendenschaft der FU Kritik an der herrschenden Politik zu üben.

In der Zeitung “Die Welt”> vom 5. März 1966 wird die Entwicklung aus< rechter Sicht beschrieben:>

"Von 1948 bis 1957 konzentrierte sich die politische Kritik im Wesentlichen auf den Osten, in den Jahren 1958 bis 1966 wurde fast nur noch der Westen unter die Lupe genommen, wobei die Konkordanz mit kommunistischen antiwestlichen Propagandawellen überraschte. Ein gewisser Rutsch war unverkennbar. [...]

In Zeiten von Studiengebühren wird intensiver über Stipendien diskutiert. Durch sie, so die Bundesregierung, soll sichergestellt werden, dass auch für begabte junge Menschen aus den so genannten “bildungsfernen Schichten” – trotz Studiengebühren – ein Studium möglich ist. Die Bundesregierung plant, noch binnen dieser Legislaturperiode, die Mittel der so genannten Begabtenförderung soweit zu erhöhen, dass in Zukunft ein (statt bisher ca. 0,7) Prozent aller Studierenden ein Stipendium erhalten. Interessant ist, wer bisher gefördert worden ist.

So entwickelte sich die Freie Universität zu einem merkwürdigen politischen Laboratorium, in dem Studenten-Zirkel ihre Ideen destillieren, erhärten und popularisieren konnten. Die Konzepte der linken Gruppe pendelten sich sukzessive auf ‘Entspannung’, Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze, Aufnahme offizieller Beziehungen zur Regierung der ‘DDR’, politische ‘Säuberung’ der Bundesrepublik; ‘innerbetriebliche Mitbestimmung’ und Verstärkung planwirtschaftlicher Elemente ein." (Sander 1966, S. 279) 13

Wie die Antwort des Bundesministeriums für Bildung und Forschung auf eine Kleine Anfrage (Bundestagsdrucksache 16/4661) der Fraktion DIE LINKE zeigt, erhielten 2006 etwa 14.000 Studierende ein Studien- sowie knapp 3.000 ein Promotionsstipendium. Davon bekamen jedoch gut 40 Prozent “nur”Anfang 1967 treffen sich 16 Gründungsstudenten der FU, darunter Ernst Benda, um sich in einer Erklärung von der allgemeinpolitischen Arbeit ihrer Nachfolger zu distanzieren.

Der AStA-Vorsitzende und 10 seiner Vorgänger nehmen zu dieser Gruppe folgendermaßen Stellung:

das Büchergeld in Höhe von 80,- Euro monatlich. Das bedeutet: Mehr als 40 Prozent der mittels Steuergeldern geförderten “Begabten” entstammen nach den Worten des Ministeriums Familien mit einer “hohen Einkommenssituation”.

"Sie bezweifelt das politische Mandat der Studentenschaft und damit der Studentenvertretung, das diese Gruppe selbst während der Zeit ihrer Tätigkeit an der FU praktiziert und niemals in Zweifel gezogen hat. So faßte 1950 der erste Konvent der FU [heute Studierendenparlament], dem ein großer Teil der Unterzeichneten in maßgeblichen Funktionen angehörte, den Beschluß:

‘Die Studentenvertretung der FU hat den bisher von der Bundesregierung eingeschlagenen Weg aufmerksam verfolgt und ist der Meinung, daß sie sich der Haltung der Bundesregierung anschließen kann’.

Derartig pauschale politische Bewertungen hat die jetzt kritisierte Studentenvertretung niemals abgegeben.

Noch auf der 3. o. Sitzung des 2. Konvents forderte 1951 der Abgeordnete Lorenz lt. Protokoll des Konvents:

Auffallend sind die großen Differenzen zwischen den einzelnen Studienwerken. Hans-Böckler- und Rosa-Luxemburg-Stiftung wiesen mit 68,85 bzw. 44,33 Prozent den weitaus höchsten Anteil an StipendiatInnen mit der vollen Fördersumme auf. Die Stiftung der Deutschen Wirtschaft, die Friedrich-Naumann-Stiftung und die mit Abstand größte und einflussreichste Stiftung, die Studienstiftung des deutschen Volkes, bilden das andere Extrem. Jede®'Die Studentenvertretung dürfe sich nicht im Formalen verlieren, sondern müsse neben den kleinen Fragen des Alltags die großen Probleme anzupacken versuchen, die heute die gesamte Öffentlichkeit interessieren. Als solche Probleme im Rahmen der Studentenschaft erscheinen heute die Fragen: Deutscher Beit zweite StipendiatIn erhielt nur dasrag zu einer westeuropäischen Ver Büchergeld. Bei den Vteidigung und andere.'ollstipendiaten liegt die Studienstiftunteil von gerade ein

mal 15,89 Prozent sogar deutlich am Schluss.p>

Heute schließt sich derselbe Herr Lorenz, inzwischen CDU-Mitglied der politischen parlamentarischen Vertretung Berlins, der Forderung an, die Studentenschaft habe ‘weder Verpflichtungen noch Rechte, zu Fragen oder Ereignissen Stellung zu nehmen, die die Universität politisch oder sozial unmittelbar nicht berühren’.

Darüber hinaus ist zu sagen:

  1. Diese Zahlen sprechen dafür, dass bei diesen drei Stiftungen, die über 8.200 der insgesamt 13.415 StipendiatInnen fördern, trotz aller entgegenlautender Beteuerungen Stipendien nach wie vor stark anhand von Kriterien vergeben werden, bei denen eine hohe oder gehobene “soziale Herkunft”Wir halten in der Tat das politische Pauschalmandat, das sich die Gründer der FU zuschrieben, für wenig bedacht. Die heutige Studentenvertretung ist der Meinung, daß Gesamtpolitik und Hochschulpolitik enger im Zusammenhang stehen, als dies in den politischen Beschlüssen der ersten FU-Konvente zum Ausdruck kam.
  2. eine entscheidende Rolle sp“Leistung” schlicht blind dafür, dass familiär Begünstigte eben viel eher und einfacher als Benachteiligte “gute Leistungen” zu erbringen vermögen. Zum anderen gibt es offensichtlich (wie in anderen Ländern auch) informelle Maßstäbe, die für soziale Selektivität sorgen.

    Es ist unrichtig, daß die Beschäftigung auch mit für Studenten wichtigen politischen Fragen die hochschulpolitische Arbeit der Studentenvertretung gelähmt habe. Im Gegenteil hat die Studentenvertretung immer dann, wenn sie sich kritisch mit politischen Ereignissen auseinandersetzte, zugleich auch hochschulpolitisch intensiv gearbeitet. Dieser Zusammenhang ist mit einer quantitativen Analyse von Konventsbeschlüssen und -Diskussionen belegbar.

  3. Der einzige Zeitraum, in dem die Anzahl politischer Beschlüsse, die vom studentischen Bereich völlig abgehoben sind, die Anzahl hochschul- und studentenpolitischer Beschlüsse überwog, ist nachweislich das Jahr 1960, in dem der Konvent jeweils Angehörige des RCDS zu AStA-Vorsitzenden wählte.
  4. Die aktuelle Praxis der Vergabe von Stipendien verstärkt die Bildungsungerechtigkeit also noch weiter. Wenn, was bereits geschieht, die StipendiatInnen der Förderwerke an einigen Hochschulen nun per se von Studiengebühren freigestellt werden, heißt das konkret: Die ohnehin bereits Privilegierten werden noch stärker privilegiert. Während die relativ wenigen Jugendlichen aus den so genannten “bildungsfernen Schichten”, die es überhaupt bis an die Hochschulen schaffen, Studiengebühren bezahlen müssen, werden die StipendiatInnen, die zu einem großen Teil aus dem Bürgertum kommen, von diesen freigestellt.
  5. Von Michael Hartmann und Jens Wernicke



Ein Grauen für alle, die ins Netz schreiben


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