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10 Jahre Bologna - Kein Grund zum Feiern

Bologna Burns

10 Punkte, warum 10 Jahre Bologna-Prozess uns nicht in Feierlaune versetzen:

1. Durch die Einführung eines mehrstufigen Studiensystems mit Bachelor und Master werden neue Hürden aufgebaut, statt diese abzubauen.

2. Mit den Masterstudiengängen wird das Ziel verfolgt, die (angebliche) Elite von der Masse zu trennen. Nur die Elite soll zu Zugang zu “hochwertigem” Wissen bekommen, während die Masse außen vor bleibt.

3. Vergleichbarkeit heißt: nicht für mehr Mobilität zu sorgen, sondern die Konkurrenz zu vergrößern.

4. Durch den Prozess wird für Konkurrenz auf allen Ebenen gesorgt: Hochschulen gegen Hochschulen, Fachbereiche gegen Fachbereiche, Studierende gegen Studierende. Es kehrt ein Geist des Gegeneinanders statt des Miteinanders ein.

5. Da Studierende möglichst viel Wissen in kürzester Zeit aufnehmen sollen, wird das sogenannte Bullemielernen etabliert.

6.Heute Morgen versammelten sich in Jena etwa 2000 Studierende, SchülerInnen, Auszubildende, Lehrende und engagierte sowie interessierte Personen zur Demonstration im Rahmen des zweiten bundesweiten Bildungsstreikes 2009. Die Aktion startete mit einigen Redebeiträgen auf dem Campus der Fachhochschule Jena. Von dort aus gingen die Demonstranten zum Campus der Friedrich-Schiller-Universität Jena im Stadtzentrum, wo eine zweite Kundgebung stattfand. Anschließend zogen die Studierenden der Fachhochschule und der Universität durch das Stadtgebiet. An mehreren Stellen fanden Kundgebungen statt. Als die Demonstration das Universitätshauptgebäude erreichte wollten einige Studierenden ihre KommilitonInnen zum mitmachen bewegen. Sie wurden jedoch von der Polizei am Betreten ihrer Universität gehindert. Die Studierenden machten deutlich, dass sie dies nicht akzeptieren. Personen die dennoch in das Gebäude wollten wurden von der Polizei durch den Einsatz von Gewalt am Betreten gehindert. Dies galt auch für Studierende die nicht an der Demonstration teilnahmen, sondern das Hauptgebäude der Universität lediglich betreten wollte, um an Veranstaltungen teilzunehmen. Durch diese Aktionen wurden die Studierenden also auch aktiv am Studieren gehindert. Die BeamtInnen schreckten dabei auch nicht vor dem Einsatz von Pfefferspray zurück. Studierende, die bereits in der Universität waren wurden von der Polizei festgehalten, obwohl keine Gewalt von den Studierenden ausging. Der Demonstrationszug kehrte nach diesem Vorfall geschlossen zurück zur Abschlusskundgebung auf dem Uni-Campus. Anschließend besetzten die Studierenden spontan den größten Hörsaale der Universität und zeigten sich solidarisch mit den anderen BesetzerInnen in ganz Europa.

Unbeeindruckt zog der Demonstrationszug weiter zur Abschlusskundgebung auf den Campus. Jedoch löste sich dieser spontan auf und zog durch die Hörsäle und rief zur Solidarität auf. So fand die Abschlusskundgebung im Hörsaal 1 (Audimax) statt, der sofort als besetzt erklärt wurde.

Freiburg

Auch in Freiburg wurde lautstark protestiert. 5000 Menschen haben sich zusammengefunden, um ihre Forderungen gemeinsam auf die Straße zu tragen. Einige Studierende waren in dem besetzten Audimax der Uni Freiburg zurückgeblieben. An der heutigen Demonstration beteiligten sich noch einmal deutlich mehr Studierende als noch im Juni. Die Schülerinnen und Schüler sprachen sich gegen das gegliederte Schulsystem, Konkurrenzdruck und Turboabitur aus. Ihr Anteil war wieder erfreulich hoch, wäre aber wohl noch einmal größer gewesen, hätte es nicht im Vorfeld massive Einschüchterungen gegenüber den jungen Bildungsaktivist_innen gegeben.

Besetzung in Bochum

Am Tage wurde auch die Ruhr-Uni Bochum besetzt. Es wird dazu aufgerufen, die BesetzerInnen zu unterstützen.

Flashmobs in Dresden

Heute haben sich in der Dresdner Innenstadt 100-150 Studierende an unangemeldeten Flashmobs und daran anschließender Spontandemonstration zur Universität beteiligt. Damit sollte auf die Verwirtschaftlichung des Studiums aufmerksam gemacht werden und öffentlichkeitswirksam Kritik am Bachelor-Master-System nach außen getragen werden.

SchülerInnen in Frankfurt blieb keine Gelegenheit für schlechte Stimmung

1.000 Schülerinnen und Schüler beteiligten sich am 17. November am Bildungsstreik in Frankfurt. Dieser fand – wie bereits die letzten Bildungsstreiks – im Rahmen einer bundesweiten Aktionswoche der Bildungsstreik-Bewegung statt. Sie forderten eine bessere Finanzierung der Schulen und ein Bildungssystem, in dem die Chancen nicht vom sozialen Hintergrund der Kinder und Jugendlichen abhängen. Aus Sicht der Protestierenden ist die Abschaffung des dreigliedrigen Schulsystems, also eine Schule für alle, der entscheidende Schritt in diese Richtung. Außerdem forderten sie volle Lehrmittelfreiheit und vollständig unentgeltliche Bildung für alle.

Im Anschluss an die Bildungsstreik-Demonstration in Frankfurt machten sich rund 200 SchülerInnen auf den Weg nach Wiesbaden, um sich an der Demonstration der streikenden LehrerInnen zu beteiligen. „Arbeitszeitverkürzung für Lehrer heißt bessere Unterrichtsbedingungen für Schüler“, so Olaf Matthes vom Frankfurter Jugendbündnis auf der Abschlusskundgebung in Frankfurt. Deshalb unterstütze das Jugendbündnis, dass den Streik maßgeblich mitorganisiert hat, die Forderungen der streikenden LehrerInnen und ihrer Gewerkschaft GEW.

Trotz teilweise starkem Regen blieb keine Gelegenheit für schlechte Stimmung. Der Frankfurter Bildungsstreik bekam lautstarke Unterstützung von dem linken Hamburger Rapper Holger Burner. Mit politischem Hiphop und Sprechchören machte die Demonstration auf sich aufmerksam. Mit Parolen wie „Bildung nur für Reiche – nur über meine Leiche!“ oder „Bildung für alle – und zwar umsonst!“ zog sie durch die Stadt.

Gewerkschaften unterstützen die Forderungen von Studierenden und SchülerInnen

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) unterstützt die Forderung der Studierenden, Schülerinnen und Schüler nach besserer Bildung für alle Menschen in diesem Land. “Die Bildungsgewerkschaft erklärt sich solidarisch mit den jungen Leuten: Die Bundesrepublik braucht eine Kehrtwende in der Bildungspolitik”, sagte GEW-Vorsitzender Ulrich Thöne am Dienstag in Frankfurt a.M. mit Blick auf den bundesweiten “Bildungsstreik”. "Bildungsarmut zu bekämpfen, Chancengleichheit herzustellen und gute Bildung für alle Menschen zu garantieren: Das sind die gesellschaftlichen Herausforderungen, die gelöst werden müssen. Das gilt gerade jetzt, da die schwarz-gelbe Koalition verstärkt auf Privatisierungen im Bildungsbereich setzt und nur ihre Wählerklientel aus dem Bürgertum und der Gruppe der Besserverdienenden mit Wohltaten pampert."

SDS setzt Schavan ein Ultimatum

Der SDS betont, dass es nicht reiche, wenn Bildungsministerin Schavan (CDU) „Verständnis“ äußert und gleichzeitig die Verantwortung an ihre Länderkollegen abschiebt. Die neue Bundesregierung müsse deutlich machen, ob sie die Forderungen nach einem Kurswechsel in der Hochschulpolitik ernst nimmt oder es auf eine Eskalation ankommen lassen will. Als ersten Schritt solle sich Schavan zu folgenden Forderungen bekennen:

  1. Sofortprogramm zur Ausfinanzierung der Bildung an Schulen und Hochschulen in Höhe von 40 Mrd Euro. (So viel ist nach einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung notwendig, um die dringendsten Mängel zu beheben.)
  2. Abschaffung bzw. Verbot von Studiengebühren in jeglicher Form
  3. Master als Regelabschluss für alle als ersten Schritt zur Überwindung des BA/MA-Systems sowie die Überarbeitung der unstudierbaren Bachelorstudiengänge unter Mitwirkung der Bildungsstreikenden
  4. Sofortige Ausweitung der Berechtigung und Bezugsdauer des Bafögs sowie sofortige Erhöhung der Bezugsdauer des Kindergelds auf 27 Jahre als erster Schritt hin zu einem Studienhonorar anstatt schwarz-gelbem Stipendien- und Kreditsystem

Wie weiter?

Anfang Dezember wird eine weitere bundesweite Bildungsstreikwoche stattfinden. Verschiedene Aktionen sind bereits geplant und gründen sich auf die inhaltliche Auseinandersetzung mit den Missständen des Bildungssystems.

Am 10. Dezember 2009 findet im Wissenschaftszentrum in Bonn die Kultusminister_innenkonferenz statt, bei der alle 16 Minister_innen zusammenkommen.
Es ist nicht absehbar, dass diese sich dabei wirklich ernsthaft auf die Forderungen der Schüler_innen und Studierenden zu bewegen werden. Dies nimmt die Bundesweite Projektgruppe Bildungsstreik zum Anlass, um erneut zu einer Demonstration und friedlichen Blockade der KMK aufzurufen. Das Motto lautet: “Kultusminister_innen nachsitzen!”.

UPDATE: Besetzungen und kein Ende

Die Freiheit zur Selbstentfaltung, zur Persönlichkeitsbildung und zum Sammeln von Erfahrungen wird durch die Einführung von Leistungspunkten (ECTS), Modulen, Stundenplänen, Sanktionen und Zertifikaten abgeschafft. Bildung wird zur Ausbildung.

7. Scheine und Urkunden haben in der heutigen Hochschulwelt mehr Bedeutung als Wissen und Erfahrungen. Die blinde Jagd nach Zertifikaten hat eingesetzt.

8. In den Hochschulen werden zunehmend demokratische Entscheidungsstrukturen abgebaut und durch diktatorische (Stichwort: Effizienz) ersetzt. PräsidentInnen/RektorInnen und Hochschulräte bestimmen, während den Senaten und Fachbereichsräten kaum noch Bedeutung zukommt.

9. Ein ehrenamtliches Engagement in und außerhalb der Hochschule wird durch den aufgebürdeten Leistungsdruck immer schwieriger. Gleiches gilt für den Blick über den Tellerrand, den Besuch von Vorlesungen anderer Fachbereiche oder ein unabhängiges (fachliches) Projekt neben dem Studium.

10. Wenn BildungsministerInnen sich selbst bei Champagner und Kaviar lobhudeln, dann kann was nicht stimmen!



Ein Grauen für alle, die ins Netz schreiben


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